1. – 4. Schuljahr

Nicola Rother

Angst und Rettung

Heiligenlegenden vergegenwärtigen

In diesem Unterrichtsbeispiel werden Zugänge zu Altarbildern von Lucas Cranach d.Ä. eröffnet. Dabei werden Verbindungen zwischen den Erfahrungen der dargestellten Heiligen und den Erlebnissen der Schülerinnen und Schüler geknüpft mit dem Ziel, die Kinder zu stärken.

Historische Kunstwerke sind ohne die Geschichten und Mythen, auf die sie sich beziehen, meist nicht vollständig zu verstehen. Diese müssen den Schülerinnen und Schüler vermittelt werden, denn die alleinige Beschreibung und Deutung des Sichtbaren führt zu falschen Schlüssen. Wenn die Kinder Gegenstände als „Geschichtenerzähler in Bildern erkennen, können sie diese auch für eigene Bilder nutzen. So werden ihr Symbolverständnis und ihre Fähigkeit zur Symbolbildung gefördert.
Legenden heute?
Zunächst fragt sich: Kann man Heiligenlegenden, die z.T. grausame Geschehnisse schildern, Grundschulkindern zumuten? Was will man ihnen damit sagen, wenn man ihnen erzählt, der Teufel hat eine Kerze ausgeblasen und Gott oder ein Engel hat sie wieder angezündet?
Will man einen aus heutiger Sicht überholten Wunderglauben in ihnen entfachen und Gott als Zaubermeister darstellen? Will man sie mit Foltergeschichten von Zähnen, die mit einer Zange gezogen wurden, traumatisieren?
Sicher nicht. Doch die Überlegung, welche Funktion die Darstellung von Heiligen und Märtyrern auf Altären hat (Abb. 1a u. b ), kann Wege bahnen, diese Bilder mit den darin enthaltenen Heiligenlegenden für Kinder rezipierbar zu machen und Anknüpfungsmöglichkeiten für ihr eigenes Leben und Erleben zu eröffnen: Heiligenlegenden und -bilder sollen die Betrachter nicht erschrecken, sondern stärken. Sie wollen Vorbilder bieten. Dementsprechend sollten stärkende Zugänge für Kinder zu diesen Bildern und den darin enthaltenen Legenden gefunden werden.
Gemeinsam ist allen vier hier vorgestellten Heiligenlegenden: Es geht um leidvolle Erfahrungen, um besonders schwierige Lebensumstände oder Erlebnisse, die ausgehalten werden. Dabei hilft der Glaube daran, dass es einen Ausweg, eine Wendung zum Guten, eine Rettung geben wird. Sogar wenn die Aussichten darauf sehr unwahrscheinlich sind, kann diese Rettung eintreten. Dann erscheint sie als ein Wunder.
Es geht also darum, auch in schwierigen Situationen den Mut zu bewahren und auf das Gute zu vertrauen, Unangenehmes auch einmal auszuhalten, wenn es nötig ist, um etwas Wichtiges zu erreichen. Sich von Widerständen nicht beirren zu lassen und eigenen Überzeugungen auch gegen Widrigkeiten zu folgen.
Bezüge zum eigenen Leben
Bei der abstrahierten Deutung gibt es Raum für das Vertrauen in die eigenen Kräfte und in die Mitmenschen ebenso wie für unterschiedliche Gottesbilder.
Aus diesen Überlegungen ergab sich die Thematik des Unterrichts: Darstellung beängstigender Situationen des eigenen Lebens, die man durchgestanden und in denen man eine Wendung zum Guten erfahren hat. So wie die überlieferten Erlebnisse der Heiligen mithilfe von „Erkennungszeichen den Attributen dargestellt werden, sollten auch die Lernenden in ihren Erlebnissen bedeutsame Gegenstände erkennen, durch die sie ihr Erlebnis in Bildern symbolisieren können.
In höheren Klassen ist es denkbar, die vier Heiligen zunächst kurz einzeln kennenzulernen und das Prinzip des symbolischen Attributs zu erkennen. Im Rahmen einer abstrahierenden Aufgabenstellung können die Schülerinnen und Schüler dieses Prinzip anschließend auf eigene Themen übertragen.
Im ersten Schuljahr wären die Kinder mit dieser umfassenden Vorgehensweise jedoch überfordert. Darum fokussierte sich der Unterricht hier zunächst intensiv auf die Heilige Genoveva (Abb. 1a).
Annäherung an Genovevas Erlebnis
Im ersten Schritt sollte eine ungelenkte Bildbetrachtung Aufschluss darüber geben, welche Zugänge die Kinder von sich aus zum Bild finden, welche Beobachtungen und Gedanken das Gemälde bei ihnen auslöst, um daran im weiteren Unterricht nach...

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