Johannes Kirschenmann | Lars Zumbansen

Angstlust

Zum Umgang mit Bildern der Gefühlschoreografie

Für Heranwachsende scheinen etablierte gesellschaftliche Normen und Codierungen in den Bildwelten des Horrors verhandelbar zu sein. Denn solche Wert werden hier fundamental infrage gestellt. Diese Ausgabe von KUNST+UNTERRICHT behandelt das lebensweltliche Thema der Angstlust im vergleichenden Sehen, im Gegensatz von Gut und Böse, von Angst und Lust.

Ende Oktober kommt zu Halloween wieder der Grusel über die Jugend. Rechtzeitig werden Schauerkostüme angeboten und auf Partys geht es um das inszenierte Erschrecken. Kinder und Jugendliche lieben diese Momente der Furcht, die sie selbst verbreiten oder ertragen. Angst und Lust sind Träger vieler Bilder. Kindheitserfahrungen vom Jahrmarkt, der Kirmes oder dem Sommerfest bündeln die Ambivalenz von Angst und Lust in der Angstlust: das gewollte Gruseln bei der Fahrt durch die Geisterbahn, wo plötzlich obschon erwartet ein Sensenmann vor den Wagen springt. Oder der Schauer bei der rasenden Abfahrt der Achterbahn. Kinder verlangen, beim Vorlesen von Märchen, die gruseligste Stelle zu wiederholen. Angstlust ist in der Situation unmittelbar und kann sich doch erst aus der Erfahrung der Distanz einstellen. Das Kind nimmt die Erzählung im geschützten Raum wahr und weiß, dass die grausigen Kollateralschäden durch Hexen und Wölfe bei Beachtung bestimmter Gebote und erzieherischer Warnhinweise nicht eintreten. Auch endet jede Fahrt durch die dunkle Geisterbahn im Hellen, wo starke Nerven und Nervenkitzel zugleich gelobt werden. Neuere Varianten eines Spiels um Furcht und beklemmender Lust finden in den Escape-Games immer mehr Anhänger unter Jugendlichen wie Erwachsenen. Hier gilt es, in verschlossenen Räumen nach der Anweisung etwa des obskuren Psychopathen Dr. Kannibal Aufgaben zu lösen, um wieder in Freiheit zu gelangen.
Angstlust ein Thema für die Schule?
Gefühle und ihre Reflexion als pädagogische Verarbeitung und die Psyche stützende Bewältigung gehören zum schulischen Erziehungsauftrag ebenso die Kultur- als Sittengeschichte und alle ethischen Fragen daraus.
Kunst ist ein hervorragendes Feld, die wichtigen Fragen zu Ethik und Ästhetik am distanzierten, von der eigenen, subjektiven Lebenssituation abstrahierten Exempel aufzurufen. Über das Bild von der Angstlust gelingt altersangemessene Verständigung über Symbolisierungen. Der Schrecken ist wie im Märchen nur in der Distanz zu ertragen, da diese Sicherheit verspricht. So können Fantasien und Ängste ein pädagogisch geschütztes Forum finden, in dem die Schülerinnen und Schüler sich in ihren eigenen Ängsten und Hoffnungen verstanden fühlen und die Bilder der Kunst als ein Terrain jenseits bloßer Rationalität erfahren.
Dabei soll der Wandel der Bildzeichen oder auch ihre Kontinuität als ästhetisches Vehikel des Ausdrucks von Sitten, Normen und Gefühlen, von Ängsten, Verletzungen oder Trost und Schutz dieses vergleichende Sehen zur Quelle von Erkenntnis werden lassen.
Angst als anthropologische Konstante
Die Angst ist eine anthropologische Konstante, die der Gefahrenabwehr dient. Die Psychoanalyse führt Trennungs- und Verlustängste als Motor des Begehrens ins Feld. Auch der Konflikt zwischen Verbot und Wunsch kann verdrängt werden durch eine Verlagerung der Angst auf äußere Objekte. Aus der Erfahrung, Ängste, Bedrohungen, Gefahren und Verluste oder prekäre Situationen zu meistern, resultiert die Lust am Erfolg: als Behauptung gegenüber den Herausforderungen.
Eine liberale Gesellschaft mit einer wettbewerbsorientierten Wirtschaftsideologie bildet mit ihren heimlichen Lehrplänen und schulischen Erziehungssystemen abseits psychoanalytischer Erklärungsansätze eine Petrischale zur Züchtung von Angstlust.
Im steten Wettbewerb um knappe Chancen (und damit Güter) wird die Angst zum Motor von angepasster Leistung. Die Aussicht auf Belohnung und Teilhabe an Genussmomenten des Zuckerbrotes lässt die...

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