Andrea Dreyer

Vom Bauhaus lernen?

Bezüge zu einer zeitgemäßen kunstpädagogischen Praxis

Das Bauhaus steht exemplarisch für eine Befragung der Kontexte von Kunst und Gestaltung, ihren kontinuierlich sich entwickelnden Strategien, Methoden und diskursiven Praxen. Auch heute geht es an Kunsthochschulen und Schulen um deren zeitgemäße Vermittlung.

Seit Mitte des Jahres 2019 untersucht eine disziplinübergreifende Forschergruppe aus Produktdesignern, Informatikern und Soziologen den Einsatz von Robotern in der Pflege älterer und kranker Menschen. Gegenüber vielen bestehenden Forschungsansätzen in diesem Feld, geht es um ein Verständnis von Robotik, welches weniger den Ersatz der Pflegenden als vielmehr intelligente Alltagsgegenstände meint, die in ihrer Funktion den Pflegeprozess unterstützen (vgl. Hornecker 2019). Es ist ein Projekt, das stellvertretend für eine Vielzahl von Entwicklungen zwischen Produktdesign und anderen Disziplinen steht, die in Forschungsverbünden realisiert werden. Design meint dabei nicht mehr nur den Entwurfsprozess und die Formgebung im Sinne einer funktionalen Form- und Farbgestaltung eines Produktes. Auch das Vertrautsein mit Verfahrenstechnologien, Produktions- und wissenschaftlichen Forschungsabläufen gehört zum Arbeitsalltag.
Schon zu Zeiten des Bauhauses in Dessau unterlag das Produktdesign einer radikalen Änderung. Verbunden mit dem Ziel, die Gesellschaft durch „alle Gebiete menschlicher Gestaltung zu formen (Gropius 1923, S. 22), wurden Alltagsgegenstände entworfen, die auf die neuen technischen Entwicklungen, die neuen Materialitäten und die seriellen Produktionsweisen reagierten. Formen wurden nun bestimmt durch ihre Vervielfältigungsmöglichkeit in funktionalen Abläufen, durch reduzierten Materialverschnitt und raumsparende Verpackung. László Moholy-Nagy setzte sich beispielgebend neben der Fotogrammkunst mit den relevanten Faktoren zur erfolgreichen Bewerbung von Produkten auseinander und Alma Siedhoff-Buscher entwarf Kinderzimmermöbel und Spielzeug, die in die Serienproduktion gingen (vgl. Bauhaus Verbund 2019).
Kunst und Gesellschaft
Auch in der Kunst spiegelt das traditionell vermittelte Verständnis vom autonom arbeitenden Künstler nur eine Facette künstle-rischer Strategien und Methoden (vgl. Babias 1995). Das künstlerisch-forschende Selbstverständnis, wenngleich nicht unkritisch diskutiert (vgl. Holert 2011), erfährt ein immer stärkeres Gewicht. Künstlerinnen untersuchen Konstruktionen hybrider Identitäten (Miriam Yammad 2016), setzen sich mit den Potenzialen auditiver Dokumentationsverfahren für die Schulentwicklung auseinander (Ursula Rogg 2019), erforschen die Folgen des Uranabbaus für die Bevölkerung und die Landschaft (Grit Ruhland 2013). Sie werfen damit beispielgebend Fragen und Probleme auf, die sowohl über das zweckfreie autonome Arbeiten, über die dienende Funktion am Bau (Gropius 1919, S. 2) als auch über die, an sie oft herangetragene, Funktion der Wissenskommunikation weit hinausgehen. Bereits die Künstler am Bauhaus vereinte ein Verständnis von einer künstlerisch-forschenden Praxis. Ittens Theorien zu Farbkontrasten und Farbtypen sowie Kandinskys Auseinandersetzung mit den Grundelementen der Malerei und der Farbpsychologie bestimmen noch heute die Grundlehre an den Schulen und Hochschulen.
Betrachtet man die Entwicklungen am Bauhaus vor 100 Jahren sowie heutige Arbeitsformen und Forschungsstrategien junger Künstler und Gestalter, wird deutlich, dass sich die Arbeitsweisen nicht grundlegend geändert haben, sondern dass sich eher eine interdisziplinäre diskursive Praxis entwickelt hat, in welcher die Relevanz der Erkenntnisprozesse von Künstlern und Gestaltern eine zunehmende Beachtung findet. Darüber hinaus hat sich die Idee von Gropius, den Bau als gemeinsame Zielstellung allen künstlerischen, gestalterischen und entwerferischen Schaffens zu formulieren (vgl. Gropius 1919, S. 1) und die damitverbundene dienende Funktion der Kunst...

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