Barbara Wichelhaus

„Male deine Angst!

Das Phänomen Angst in Bildnereien von Kindern

Ängste von Kindern und Jugendlichen sind ein wichtiges Thema in der Psychologie, der Psychotherapie und in der Pädagogik. Zeichnungen von Heranwachsenden können Ängste bewusst und unbewusst spiegeln, sodass diese Thematik in der Kinderzeichnungsforschung, der Kunsttherapie und der Kunstpädagogik aufgegriffen wird.

Die Untersuchung der Kinderzeichnung als Entwicklungsphänomen hat in der psychologischen und kunstpädagogischen Literatur eine lange Tradition (vgl. Richter 1987, S. 144ff.). Die persönlichkeitsdiagnostische Bedeutung wurde hingegen erst wesentlich später fokussiert.
In Anlehnung an Untersuchungen zur Ontogenese wurden altersbedingte Gestaltungselemente sowie Abweichungen als entscheidende Parameter für den Ausdruck von Persönlichkeitsfaktoren in kindlichen Bildnereien herausgearbeitet (vgl. Schulz 2013). Dabei rückten, neben der Bedeutung der Motivwahl, vor allem graphomotorische, formale und farbliche Aspekte in den Blickpunkt. Sie bildeten die Grundlage für psychologische Testverfahren, die neben der Altersadäquatheit auch individuelle Stärken und Schwächen eines Kindes, sowie psychische und physische Erkrankungen und andere Beeinträchtigungen, ansatzweise entschlüsseln konnten. In diesem Zusammenhang galt auch Ängsten als Belastungsfaktoren ein verstärktes Interesse (vgl. Künzler-Knufinke 1991).
Kann man Ängste im Bild sehen?
Die psychischen Belastungen in unserer Gesellschaft sind sehr hoch; jedes fünfte Kind gilt als behandlungsbedürftig (vgl. de Thier-Patscher 2014, S. 115). Daher ist eine hohe Sensibilität für auffälliges bildnerisches Verhalten heute unumgänglich.
Das bildnerische Ausdrucksverhalten wird durch eine Vielfalt an Erfahrungen beeinflusst. Folglich können lineare Interpretationswege nur bedingt objektiv und valide sein. Dementsprechend müssen Beobachtungsergebnisse durch weitere Erhebungen gestützt und abgesichert werden. Geeignet sind u.a. biografisch-strukturanalytische Verfahren, wie sie Richter (1987) aus mehreren Deutungsmethoden kombiniert hat, sodass ein ganzheitliches Vorgehen (vgl. Wichelhaus 2015) fundiert wird. Neben dem bildnerischen Gestalten werden dabei Verhaltensweisen aus allen zugänglichen sozialen, kognitiven, psychomotorischen und emotionalen Bereichen und Kenntnisse über die Lebensumstände mit einbezogen.
Diagnostik kritisch reflektiert
In der Handhabung diagnostischer Verfahren sind große Unterschiede ersichtlich und notwendig. Während in der Kinderzeichnungsforschung und in der Kunsttherapie die zur Verfügung stehenden Instrumente (vgl. Thier-Patscher 2014) mit großer Selbstverständlichkeit und Routine eingesetzt werden, liegt der Fokus in der Kunstpädagogik nicht auf individualpsychologischer Diagnostik. Auch scheint das Interesse an diesen Forschungsfeldern eher gering (Wichelhaus 2015). Dies mag daran liegen, dass im Zentrum des Kunstunterrichtes vielfach normative Anforderungen an das ästhetische Ausdrucksverhalten stehen und Aussagemomente über die psychische Verfasstheit von Schülerinnen und Schülern kaum explizit thematisiert werden. Zudem sind Kunstlehrende nicht darin geschult, extrem individuelle bildnerische Mitteilungen zu „lesen.
Da sich die psychische Verfassung in Bildern niederschlägt, sind psychologische Erkenntnisse über kindliche Ausdrucksformen, die nicht nur die Entwicklung sondern auch die Persönlichkeit betreffen, für Kunstpädagogen jedoch unverzichtbar.
Bei diagnostischen Methoden überwiegen in der Schule informelle Beobachtungsverfahren und Beurteilungsformen. Um sie wissenschaftlich besser als bisher zu fundieren, wären gezielte Forschungsanstrengungen erforderlich (vgl. Kirchner/Kirschenmann/Miller 2010). Ohne Kenntnisse über diagnostische Methoden kann auch ein breites pädagogisches und psychologisches Erfahrungswissen den Umgang mit der psychologischen Bedeutung bildhafter Ausdrucksformen ermöglichen. Ein...

Weiterlesen im Heft

Vorteile im Abo

Exklusiver Online-Zugriff auf die digitalen Ausgaben der abonnierten Zeitschrift
Print-Ausgabe der abonnierten Zeitschrift bequem nach Hause
Zusatzvorteile für Abonnenten im Online-Shop genießen