Alfred Czech | Johannes Kirschenmann

Bilder und Befindlichkeiten

Aspekte einer Mentalitätsgeschichte

In diesem Beitrag wird anhand von historischen und zeitgenössischen Werken der Kunst untersucht, wie Schrecken und Faszination die Betrachter in den Bann ziehen.

Ein neuerer Zweig der Geschichtswissenschaft beschäftigt sich mit den inneren Wirklichkeiten der Menschen. In der Mentalitätsgeschichte werden Bilder als Seismogramme menschlicher Befindlichkeiten interpretiert, die Intendiertes und Absichtsloses, Bewusstes und Unbewusstes visualisieren. Vom Ansatz her ist die Rekonstruktion von Mentalitäten eine Rekursuntersuchung. Man nimmt an, dass Bilder in der Regel auf Ereignisse der jüngeren oder älteren Vergangenheit rekurrieren und sich in ihnen individuelle und kollektive Grundstimmungen spiegeln.
In dieser Richtung haben Philippe Ariès, Fernand Braudel, Peter Burke, Georges Duby, Carlo Ginzburg oder Johan Huizinga geforscht und sich dabei mit Alltagskultur und Festen, Alltagsleben, mit Regel und Ausnahme befasst.
Existenzielle Themen
Im Fokus der Mentalitätsgeschichte stehen existenzielle Themen wie Gesundheit und Krankheit, Liebe, Sexualität und Identitätsfindung, aber auch Hoffnungen und Ängste (Delumeau 1985).
So waren etwa die zwei Jahrhunderte nach der großen Pestepidemie (1348) bis hinein ins 16. Jahrhundert eine Zeit zunehmender kollektiver Ängste. Die wachsende Zahl der Darstellungen des Jüngsten Gerichts an Kirchenwänden und auf Altären legt diese These nahe. Der Glaube an die Hölle war „vermutlich der virulenteste aller Angstkeime (Duby 1996). Doch bestätigt nicht nur die Häufung der Bilder der „Jüngsten Gerichte und der Hölle diese Vermutung, sondern auch deren Differenzierung und reiche Ausgestaltung. In den Gemälden von Rogier van der Weyden, Hieronymus Bosch, Hans Memling und Pieter Bruegel d. Ä. werden die teuflischen Attacken und die menschlichen Qualen mit einer Lebensnähe dargestellt, die weit mehr als bloße Verbildlichung christlicher Glaubensvorstellungen repräsentiert.
Die Landschaften der Furcht sprechen selbst heute noch Jenseits- und Zukunftsängste an. Die Dramatik der Körpersprache evoziert noch immer Ängste vor körperlichem Schmerz und seelischer Qual und erinnert an heimsuchende Traumbilder.
Angst und Furcht gehören zum Leben
Kunstunterricht als Ort der Bilder ist stark von ästhetischer Wahrnehmung bestimmt, die Emotionen berührt. Individuelle und kollektive Ängste, der Widerstand, das Ausweichen, der Versuch der magischen Bannung all das schlägt sich in der Kunst nieder. Durch Bilder werden Ängste unmittelbar anschaulich. So wollten und wollen Menschen Ängste aus ihrem tiefsten Inneren bannen. Auf diese Weise bekommt die historische Auseinandersetzung mit Bildern einen aktuellen Bezug, der auch für den Kunstunterricht Relevanz hat.
Georges Duby hat sein Buch Unseren Ängsten auf der Spur. Vom Mittelalter zum Jahr 2000 (1996) mit dem Anspruch geschrieben, dass wir in der Begegnung mit der Vergangenheit „den Gefahren unserer Zeit klarsichtiger begegnen. Die Auseinandersetzung mit den Bildern als historischen, nicht unmittelbar abbildenden, Spiegeln ihrer Zeit entlastet das heutige Individuum: Subjektive Ängste werden als wiederkehrende Ängste verstanden, die nicht nur den Einzelnen betreffen. Die machtpolitische Dimension individueller und kollektiver Angst wird im „Jüngsten Gericht als religiös fundiertem Herrschaftsinstrument deutlich.
Heute gehen kollektive Ängste von weltpolitischen Konfliktkonstellationen oder ökologischen Szenarien aus; die individuelle Angst resultiert eher aus der Sorge um die Verwandten und Freunde, um Gesundheit, um Erhalt der Nähe zu den Vertrauten um psychische Stabilität. Hier kann die Thematisierung der bildlich aufgerufenen Ängste in der Gruppe Entlastung bringen im Anbahnen von Gesprächen, vom Wissen, nicht allein zu sein mit der Angst. Hier können jene Bilder der Kunst aus der Historie und Gegenwart ein „Gegenprogramm...

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