Simone Braitinger

Der Angst ein Stück näher kommen

Eine Fallvignette aus der Kunsttherapie

In diesem Beitrag wird an einem Beispiel gezeigt, wie in der Kunsttherapie Ängste und Wut bearbeitet werden können. Hier wird das Gestalten zur Ressource für Selbstwirksamkeit.

Matthias*, damals 15, kommt zum Zeitpunkt des Fallberichtes seit einem halben Jahr wöchentlich zu mir in die Kunst-Einzeltherapie. Er lebt sehr zurückgezogen, gilt als Einzelgänger.
In die Schule geht er nicht gern, weil er Angst hat vor Mobbing. Die Anderen meist Jungs hänseln ihn oft, da er sich schüchtern, introvertiert, zurückhaltend und nicht konform verhält. Er zeigt ein hohes Maß an ängstlich-vermeidendem und selbstbeobachtendem Verhalten.
Seine Erscheinung ist zart, mit leichten körperlichen Haltungsschwächen. Er ist intelligent, möchte den Dingen tief auf den Grund gehen, möchte lernen und viel wissen. Seine ständig vorhandenen Ängste hindern ihn aber an konzentrierter Aufmerksamkeit und am Lernen. Häufig ist er mit Gedanken beschäftigt, wie er möglichst wenig auffallen kann und wie er auf Andere wirkt. Am liebsten zieht er sich allein zuhause auf sein Zimmer zurück, vor seinen Computer. Hier tüftelt, programmiert und baut er seine eigene Welten, spielt Spiele, u.a. Ego-Shooter.
Die Eltern sehen im Wesentlichen seine Lernschwierigkeiten und Defizite, zeigen sich wenig empathisch; die Mutter hat viele eigene Probleme, der Vater ist beruflich stark eingespannt. In Matthias zeigt sich viel unterdrückte und aufgestaute Wut, sowie passive Aggression, wofür er noch keine adäquate Ausdrucksmittel oder Entlastung kennt. Er fühlt sich durch seine Umwelt ständig bedroht, hat Angst vor Gewalt und Terroranschlägen. Menschengruppen meidet er. In seinen (Rache-)Fantasien geht er aggressiv und gewaltsam gegen Andere vor. Die Mittel dazu kennt er aus Filmen und Nachrichten.
Therapie
Zunächst höre ich ihm einfach viel zu, ermutige ihn, zu erzählen. Er geht im Wesentlichen darum, eine vertraute Beziehung zueinander zu entwickeln, ihm einen Raum geben, in dem er sich sicher fühlt. Ich spiegle ihm vor allem seine Ressourcen und seine Stärken. Er sieht sich in seiner Person gesehen und verstanden.
Erstaunlich reflektiert und offen beginnt er nach einiger Zeit, über seine Ängste, Nöte und Bedürfnisse reden. Auf dieser Basis kann ich kunsttherapeutisch nun weitere Schritte gehen. Dies benötigt aber vor allem Zeit. Bislang war sein künstlerisches Gestalten sehr zögerlich und vermeidend, oft bediente er Stereotypen und wartete auf Handlungsanweisungen. Immer wieder betont er, mit Kunst hätte er nichts am Hut, er fühle sich im logisch-analytischen Denken und Handeln sicherer. Ich bereite ihm Angebote vor, die ein absichtsloses und freies Arbeiten ermöglichen.
Angebote für freies gestalterisches Arbeiten
Große Papierformate sind an der Malwand angebracht, dazu liegen verschiedene Kreiden bereit. Stehend an der Wand, beginnt Matthias, zur Musik (die Moldau/Smetana) zu zeichnen.
Ich ermuntere ihn, mit beiden Händen zu arbeiten, erkläre ihm die vernetzende Wirkung der beiden Gehirnhälften. Zunächst sehr zaghaft, entstehen mit Wachskreiden erste farbige Spuren, schließlich fühlt er sich sicherer, die Wachskreiden bewegen sich immer heftiger über die Papierfläche, er taucht ein in sein Tun, schwingt mit der Musik.
Ich gebe ihm noch Gouachefarben, die er mit seinen Fingern und Händen tupfend, streichend, klatschend expressiv aufträgt. Dafür benutzt er Dunkelblau und Schwarz (Abb. 1 ). Über das Berühren der Bildfläche mit den Händen findet ein intensiver Kontakt mit sich selbst statt. Für viele ist das in der Therapie ein stark eindrückliches Erlebnis.
Ohne zu interpretieren, spiegle ich ihm meine Wahrnehmung: Die zarten, farbigen Linien werden durch die schwarze Farbe verdeckt, sind auf diese Weise verborgen. Gleichzeitig zeigt sich das Schwarz als kraftvolle, spannende Energie. Ich ermuntere ihn zu erzählen: „Welche Stellen sind ihm...

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