8. – 13. Schuljahr

Anne Esser | Johannes Kirschenmann

Vom Bild aus: Gender

Blicke des Begehrens und der Macht

Der männliche Blick auf den weiblichen Körper zeigt sich in Kunstwerken und Bildern der Alltagsästhetik. Auch heute noch ist dieser Blick von Machtstrukturen bestimmt.

Dies ist der dritte Beitrag einer Folge von Materialien zur Genderdebatte. Diese Serie wird in den nächsten Ausgaben von KUNST+UNTERRICHT fortgesetzt.
  • Geschlecht und politische Diskussion (in: K+U 429/430//2019, Beilage: IM FOKUS: Gender)
  • Paare, Ehepaare und Verträge (in: K+U 431/432//2019, S. 81ff.)
  • Blicke des Begehrens und der Macht
  • Marienbildnisse
  • Künstler, Modell, Puppe
  • Aufbrüche, Umbrüche, Auflösung und Geschlechterkampf
  • Das Genderthema in Jugendfilmen
In den Märchen, Sagen und Erzählungen vieler Kulturen wird ein magischer Blick mit Wünschen, Gier oder dem durch die Psychoanalyse ausformulierten Begriff des Begehrens verbunden. Eine besondere Form des Begehrens wird im Neid als eine der sieben Todsünden gegeißelt. In Fotografien und Malerei ziehen die Blicke der dort dargestellten Menschen die Blicke der Betrachter in ihren Bann. Diese Blicke sind eingewoben in ein Psychogramm des Bildausdrucks. Verheißungen, Verlockungen, Wünsche, Träume, Angst, Besitz, Macht, Erotik, Sexualität, Tabus, Moral, religiöse Traditionen und weitere Aspekte werden in vielen Kunstwerken durch alle Kulturen aufgerufen.
Konstruktionen von Weiblichkeit und Männlichkeit
Kaum ein Bild verstörte die Zeitgenossen so sehr wie das Frühstück im Freien (1863) von Edouard Manet (Abb.: https://www.fr-v.de/ku435-manet). Das Motiv weiblicher Nacktheit, dessen Modell ganz selbstverständlich seinen Blick unmittelbar auf die damals entsetzten Betrachter richtete, wurde inzwischen zur Ikone der vorimpressionistischen realistischen Malerei. Wie jede Aktdarstellung erotisiert die Frau im Bildvordergrund den weiblichen Körper. Mit dem Bild werden die Machtverhältnisse eines heterosexuellen Blickregimes jedoch infrage gestellt. Die unbekleidete Frau als begehrenswertes Objekt des bevorzugt männlichen Blickes provoziert durch ihre selbstbewusste Geste und Mimik ihr Gegenüber außerhalb des Bildes. Kein allegorischer Bildtitel, keine scheinheilige Rahmenhandlung kaschiert diese offensive Selbstverständlichkeit.
M1: Künstler und Modell
Kunst und Kunstgeschichte sind voller Konstruktionen von Männlichkeit und Weiblichkeit. Die Kunstwissenschaftlerin Silvia Eiblmayr spannt von Albrecht Dürer (M-1 ) einen weiten Bogen zu den „Anthropometrien von Yves Klein, der weibliche Modelle ohne Bekleidung in blaue Farbe tauchte und deren Körper auf der Leinwand abdrückte: „Trotz des revolutionären Wandels, der Begriff und Praxis der Malerei um die Mitte des 20. Jahrhunderts gegenüber der Zeit Dürers kennzeichnet eine Komponente hat sich bei Dürer und Klein nicht wesentlich verändert: Und diese betrifft das Verhältnis des männlichen Künstlers zu seinem weiblichen Modell. Der Künstler, versehen mit allen Attributen seiner phallischen Macht die handwerkliche Bewaffnung mit Richtstab, Stichel und Stift bei Dürer, die Aufmachung des Dirigenten mit Anzug und Krawatte bei Klein , repräsentiert das aktive, kreative, männliche Prinzip, die Frau dagegen den Körper, die passive Materie, die idealisierte Natur, die vom Künstler beseelt wird. (Eiblmayer 1993, S. 69ff.)
M2: Parisurteil und Sündenfall
Zu den oft variierten Konstruktionen von männlichen Blicken auf Weiblichkeit gehören auch die Themenbilder zum „Parisurteil (M-2 ). Vergleiche zu den Fassungen von Botticelli, Cranach, Böcklin, Kirchner bis hin zu Lüpertz zeigen unterschiedliche Interpretationen durch die Künstler. Dabei treten sehr verschieden charakterisierte Figuren und ihre Beziehungen zueinander zutage.
Ähnliche Relationen sind beim Themenkreis des „Sündenfalls auszumachen.
M3: Moral und soziale Not
Die veristische Malerei der 20er-Jahre offenbarte das Schwinden moralischer Grundsätze ob der großen...

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