Annika Schmidt

Buchkunst

Das Buch als Kulturgut im digitalen Zeitalter

Künstlerisch gestaltete Bücher zeichnen sich aus durch besondere Materialität und sinnliche Beschaffenheit, eigene Zeitlichkeit und gestaltete Räume, die sich im Nacheinander der Seiten auftun. Im Kunstunterricht kann sich in der Auseinandersetzung mit Buchkunst der Blick auf das Buch verändern. So können Bücher entstehen, die nicht nur Trägermedium von Text sind Bücher, die aufmerksam betrachtet und berührt werden müssen.

Die Künstlerin Katie Paterson legte 2014 eine Bibliothek an, die es erst in 100 Jahren geben wird. Mit der Future Library startete sie ein Projekt, das vorsieht, jedes Jahr einen Text, der von bekannten Autorinnen und Autoren extra dafür geschrieben wird, zu sammeln. Aufbewahrt und unter Verschluss gehalten werden die Texte in der Deichmanske-Bibliothek in Oslo (Abb.1a u. b ). Außerdem hat Paterson nahe Oslo einen Wald gepflanzt, dessen Bäume für die Papierherstellung gefällt werden. Auch eine Druckerpresse wird in der Bibliothek aufbewahrt. Für die Absicherung des Projekts schuf die Künstlerin einen institutionellen Rahmen, der von der Bibliothek, der Stadt, dem Land, Galerien und Architekten mitgetragen wird.
Ob in 100 Jahren Papier noch ein Speichermedium sein wird oder Wissen nur noch digital gespeichert wird, bleibt ebenso unbeantwortet wie die Fragen, ob es noch Bibliotheken, wie sie Paterson schon heute für die Zukunft konserviert, oder Leserinnen und Leser für diese gesammelten Texte geben wird.
Das Buch im digitalen Zeitalter
Das Konzept der Future Library macht aufmerksam auf das Kulturgut Buch, das Grundlage unserer kulturellen Identität und Entwicklung ist, unsere Geschichte speichert und vor dem Vergessen bewahrt. Doch welche Rolle spielt das Buch in der digitalen Welt? Welche Bedeutung und Funktion kommen dem Buch in Zeiten von digitaler Datenspeicherung, E-Books, Hypertextformaten und Text-Bildgeneratoren zu? Gerade wenn es darum geht, Wissen zu arrangieren, steht der Buchsystematik eine neue Systematik im digitalen Bereich gegenüber.
Das digitale Buch
Das Buch erfährt in digitaler Form eine Dematerialisierung, die ein paralleles Medium hervorbringt. Dieses schafft neue Eigenschaften und Möglichkeiten, Konzeptionen und Intentionen. Es zeichnet sich aus durch Multimedialität, Performativität und Interaktivität (vgl. Bachleitner, S. 152f.). Es erfordert und ermöglicht eine neue Anordnung und Organisation von Wissen und Denkprozessen, indem es die Sequentialisierung das Nacheinander des Buches überschreitet. Auf diese Weise kann die Flut an Informationen organisiert, gespeichert und das Wissen für alle leicht zugänglich gemacht werden. So kann auf die Schnelllebigkeit der Zeit reagiert werden; Geschriebenes kann spurenlos geändert und gelöscht werden, was aber Qualität und Verlässlichkeit der Quellen mindert.
Der Künstler Michael Mandiberg hat mithilfe einer Software die gesamte englischsprachige Datenbank von Wikipedia in 7473 Bände mit jeweils 700 Seiten umgewandelt (Abb. 2 ). Diese können theoretisch hochgeladen und ausgedruckt werden (Print-on-Demand). Mit diesem Projekt macht der Künstler auf die Unmöglichkeit aufmerksam, die digitale Enzyklopädie in Buchform zu bringen, die bereits beim Ausdrucken schon wieder veraltet ist. Im Anhang werden all die 7,5 Millionen Autorinnen und Autoren erfasst, die mindestens einmal eine Änderung bei Wikipedia vorgenommen haben (vgl.: https://www.mandiberg.com/print-wikipedia/). Der Kommunikations- und Medientheoretiker Michael Giesecke geht davon aus, dass Konzepte von Wissen immer mit den Medien, die den Kulturen zur Verfügung stehen, entstanden sind und entstehen (vgl. Giesecke 2007, S. 843ff.). Im steten Wandel von Wissensproduktion und Medien sollte die Vielfalt der Medien und ihr wechselndes Zusammenwirken genutzt werden (vgl. ebd., S.488). Statt eine Hierarchisierung der Medien vorherzusehen, gilt es, synästhetische und...

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