Anna-Maria Schirmer | Harald Schirmer

Fürs Leben lernen?

Digitale Transformation und Schule

Schulen werden mit Smartboards und WLAN ausgestattet, Schulbücher digitalisiert und Tablet-Klassen eingeführt. In hitzigen Debatten wird um die Einführung neuer Unterrichtsfächer gestritten oder gar vorgeschlagen, das überkommene schulische Lernen im Klassenverbund durch individuelle, passgenaue Lernoptimierung via Internet zu ersetzen. In der Corona-Krise ist das der richtige Weg doch sonst?

Vielen Bemühungen um die Digitalisierung haftet ein fahler Beigeschmack an, denn selten reicht die Aufmerksamkeit, um hinter die Hochglanzfassaden der schönen neuen Technikwelt zu blicken und die eigentlichen Notwendigkeiten der Zeit zu reflektieren. Und so läuft manche stürmische Offensive am Kern der Entwicklung vorbei und die Ausstattung mit noch so potentem technischem Gerät greift zu kurz.
Wir haben es allerdings nicht lediglich mit neuen Werkzeugen, sondern mit tiefgreifenden, alle Bereiche des Lebens umfassenden Veränderungen weit über den äußerlich sichtbaren technischen Fortschritt hinaus zu tun (Burda 2010, S. 87f.). Wer nur die bisherigen Prozesse und Strategien digitalisieren möchte, hat den Kern der digitalen Transformation nicht verstanden. Es gilt, genaue Analysen der konkreten Veränderungen vorzunehmen und daraus diejenigen Erfordernisse abzuleiten, die notwendig sind, um Menschen als Gestalter ihrer Zeit stark zu machen.
Im Streit um Pfründe wird häufig behauptet, die Wirtschaft brauche Informatiker und Programmierer, ohne algorithmisches Denken stünde man später zwangsläufig auf der Straße und deshalb müsse dem Lernen von Programmiersprachen, Robotik-Kursen und Informatik die erste Priorität eingeräumt werden.
Eine ganzheitliche Bildungsidee zugunsten einseitig technisch-rationaler Gewichtungen auszudünnen, ist grob fahrlässig und geht zudem an den Erfordernissen der Zeit und der Arbeitswelt vorbei.
New Work, New Learning wohin geht die Reise?
Eine der größten Veränderungen jüngster Geschichte durchzieht im Moment alle Ebenen der Gesellschaft und sorgt für radikale Umstrukturierungen in vielen Feldern der Arbeitswelt.
Auslöser dieses von heftigen Umbrüchen flankierten Wandels ist eine Kombination aus Globalisierung, Automatisierung, politisch-gesellschaftlichen Herausforderungen und veränderten ökonomischen Bedingungen. Diese wiederum fußen auf den technologischen Entwicklungen, namentlich der Digitalisierung. (Kestler/Rump 2019, S. 176).
Automatisierung und Vernetzung
Eine große, nur durch elementare gesellschaftliche Umstrukturierungsprozesse zu meisternde Herausforderung liegt in der zunehmenden Automatisierung von Arbeitsprozessen, denn Roboter und Künstliche Intelligenz übernehmen immer mehr Tätigkeitsbereiche, die zuvor Arbeitsplätze sicherten. Berechen- und steuerbare Prozesse werden in vielen Arbeitsfeldern über kurz oder lang mit hoher Wahrscheinlichkeit von computergesteuerten Maschinen übernommen. Zudem verändern sich viele Arbeitsprozesse durch die wachsende digitale Vernetzung.
Anhand präziser Thesen beschrieb der Wirtschaftspsychologe und Netzwerktheoretiker Peter Kruse den Einfluss, den das Internet auf Gesellschaft und Wirtschaft hat. Er spricht von Machtverschiebungen, Spontanaktivitäten, Aufschaukelungseffekten und beschreibt damit die Charakterisitik eines nichtlinearen Systems, das sich den tradierten Management- und Steuerungsmethoden entzieht (Kruse 2010, S. 69f.)
Durch die Vernetzung und den damit verbundenen Zuwachs an Komplexität haben wir es in vielen Arbeitsfeldern und Lebensbereichen heute mit solchen nichtlinearen, schwer steuerbaren Systemen zu tun. Der Manager, der Unternehmensprozesse plant, vorstrukturiert und die kleinschrittige Ausführung dann nur noch überwacht, reicht heute nicht mehr. Der Arbeitnehmer, der weitgehend fremdbestimmt jene kleinteilig organisierten Arbeitshäppchen nur abarbeitet und abliefert, ebenso wenig. Es gilt vielmehr...

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