Annika Schmidt

Zurückgeblättert

Geschichte des Künstlerbuches

Auf der documenta 6 wurden 1977 erstmals sogenannte „Künstlerbücher ausgestellt, die damit das Feld der Kunst erweiterten. Doch ein Blick in die Geschichte des Buches zeigt, dass bereits in frühen Epochen das Medium Buch immer wieder über seine herkömmliche Funktion hinausgeht und selbst zum künstlerischen Gegenstand wird.

Bereits der Romantiker William Blake entwickelt die Technik der Reliefätzung, mit welcher er sehr aufwändige Künstlerbücher gestaltet. Auf einer Kupferplatte werden mithilfe eines säureresistenten Lacks Wörter spiegelverkehrt geschrieben und Bilder gezeichnet. Nach dem Druck koloriert der Künstler die Buchseiten mit Wasserfarben (vgl. Lailach 2017, S. 157 und Maur 1992, S. 11f.). Ihm gelingt es, auf den Buchseiten die Elemente Schrift und Bild zu einer sehr dichten Einheit zusammenzuführen und sich so als Maler und Dichter auszudrücken (Abb. 1 ). Für den Schriftsteller Stéphane Mallarmé birgt rund 100 Jahre später das Buch die Möglichkeit, grafische Ausdrucksweisen in die Literatur überzuführen und die Elemente Text und Bild anzunähern (vgl. Deinert 1995, S. 88f.). Das Zusammenspiel von Wort und Bild bei Blake und Mallarmé inspiriert die Futuristen und die Vertreter der visuellen Poesie.
Futurismus: Kompositorisches Spiel mit Schrift und Bild
Die russischen und italienischen Futuristen kommen im Umgang mit der Typografie mit den Elementen Schrift und Bild zu einem neuen Ausdruck. Die Lithografie ermöglicht ihnen eine starke Verzahnung von Handschrift und Zeichnung. Materialien wie alte Zeitungen, Pappe, Leinwand und Tapeten werden herangezogen und Techniken wie Collage, Kartoffel- und Gummistempeldruck, Malerei und Zeichnung kommen in der Buchgestaltung zur Anwendung (vgl. Deinert ebd., S. 94ff.).
So werden z.B. das Poem Tango mit Kühen (1914) von Wassili Kamenski (Abb. s. https://www.laboiteverte.fr/le-tango-cubo-futuriste/) und die Zeichnungen von David und Wladimir Burliuk auf Tapetenreste mit Blumenmuster in einem kleinformatigen Büchlein gedruckt. Die Verszeilen gehen über Seiten hinweg und erscheinen in verschiedenen Schrifttypen und Größen (vgl. Lailach 2017, S. 159). 1913 gestaltet Sonja Delaunay das erste simultane Leporello mit einer Länge von über zwei Metern. In diesem tritt das Bild gegenüber dem Geschriebenen noch eigenständiger auf. Sie malt parallel zu einem Gedicht von Blaise Cendras ein farbiges, abstraktes Aquarell (vgl. Düchting 2014, S. 6).
DADA: Erweiterung der Kunstgattungen im Buch
Den Dadaisten scheint das Medium Buch geeignet für neue Gestaltungsprinzipien z.B. den Einsatz verschiedener Materialien, deren Neukombination, den Einbezug des Zufalls und das Überschreiten der Kunstgattungen. Die Sprache, das Wort wird zum Material, mit dem in Büchern gearbeitet wird; es entstehen Lautgedichte und erste Buchobjekte, die aus collagierten Teilen gestaltet sind (vgl. Deinert 1995, S. 104).
Auch im Surrealismus ist das Buch Träger und Spielfeld für neue Techniken und Gestaltungsmittel. Auf den Seiten des Collagenromans Eine Woche der Güte oder die sieben Hauptelemente (1934) führt Max Ernst in fünf Heftchen alte Holzschnitte und Zeitschriften zu collagierten Erzählungen zusammen.
Konkrete Poesie: Buchgestaltung mit dem Material Sprache
Literarische Vertreter der Konkreten Poesie wie Eugen Gomringer und Ernst Jandl gestalten mit dem „konkreten Material der Sprache ab 1950 Bücher. Andersherum setzen sich Künstler der bildenden Kunst mit Konkreter Poesie in Künstlerbüchern auseinander (vgl. Deinert 1995, S. 115). Das „konkrete Material der Sprache, des Wortes, des Buchstabens ergibt im Zusammenspiel auf der Buchseite ein Ganzes: Erst die bewusste Anordnung der konstruktiven Zeichen stellt schließlich ein eigenes Aussagekonstrukt dar. Es findet nicht nur eine Auseinandersetzung mit der Materialität der Sprache statt, sondern auch mit der des Buches: Wo zeigt sich das...

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