Constanze Kirchner

Das Paradiesgärtlein

Ein mythologischer Ort des Glücks

In diesem Beitrag wird das Paradiesgärtlein ein Werk aus dem 15. Jahrhundert analysiert. Sowohl das Paradies als auch der Garten stehen hier für einen geschützten, umzäunten und begrenzten Ort, der neben Ruhe und Frieden auch Nahrung und Wasser spendet.

Miniaturartig auf eine Tafel aus Eichenholz gemalt, stellt das Paradiesgärtlein (Abb. 1 ) den Inbegriff eines beschaulichen Gartens dar, der Sicherheit und Geborgenheit in einer von Zinnen bekränzten wehrhaften Mauer bietet. Die Mauer rahmt den Garten das Paradies als mythologischer Ort des Glücks!
Figuren, Pflanzen und Tiere
Das Andachtsbild zeigt inmitten des Gartens, auf einem leuchtend roten Kissen thronend, bedeutungsgroß in strahlend blauem Gewand die Muttergottes als bildbestimmende Figur. Den Kopf geneigt, hält sie lesend ein Buch in ihren Händen, eine Krone mit Blattwerk zeichnet sie als Himmelskönigin aus. Zu ihren Füßen spielt das Christuskind.
Auch die anderen weiblichen Figuren in der linken Bildhälfte sind durch ihre prächtige Kleidung als heilige Jungfrauen zu verstehen. Eine eindeutige Zuordnung dieser „Heiligen ist ungewiss (Keazor 2001, S. 231ff.). Vermutlich schöpft die hl. Barbara das Wasser mit einem goldenen Löffel aus dem (Lebens-)Brunnen links im Vordergrund, denn die Legende spricht ihr Wunderkräfte bei der Überwindung einer Dürreperiode zu. Und es könnte die hl. Dorothea sein, die Kirschen vom (Lebens-)Baum pflückt und in den Korb legt, obgleich ihr der Legende nach die Kirschen gereicht werden (ebd.). Als hl. Katharina von Alexandrien oder als hl. Agnes wird die Figur gedeutet, die dem Jesuskind das Zupfinstrument (Psalterium) hält. Sie zeichnet sich durch ein goldenes Diadem mit floralem Dekor und durch ihr wallendes Haar aus (ebd.).
Die rechte Figurengruppe besteht aus dem nachdenklichen Erzengel Michael, ebenfalls bekrönt mit goldenem Gewächs und ihm zugewandt dem hl. Georg im Kettenhemd, neben dem ein kleiner, toter Drache liegt. Zu beiden beugt sich eine dritte Figur, wohl der hl. Oswald, da hinter seinem Knie ein Rabe hervorlugt (ebd., S. 233). Er hält sich am Baum der Erkenntnis fest (Faltblatt des Städelschen Kunstinstituts, o.J., o.S.). Sankt Georg hat den Drachen, der für das Böse steht, im Paradies selbstverständlich bereits bezwungen und blickt Maria erwartungsvoll an.
Unter einem weiteren Baum sitzt ein verängstigter Affe mit den deutlichen Zügen des Teufels. Er wird der biblischen Legende nach vom Erzengel Michael, dem Kämpfer gegen das Böse und Hüter des Paradieses, in Schach gehalten.
Die in der Schöpfungsgeschichte genannten Äpfel, die zur Sünde verführten, liegen auf dem sechseckigen, hellweißen Steintisch bereit. Wein und Brot verweisen auf das letzte Abendmahl, der Tisch ist kompositorisch dominant zwischen die männliche Figurengruppe und Maria geschoben.
Im Garten blühen und wachsen Blumen, Kräuter, Früchte und Gräser, die vom Frühjahr (Maiglöckchen) bis zum Hochsommer (Rosen) einen überzeitlichen, idealisierenden Bogen spannen. Besonders die weißblühenden Pflanzen, wie die Lilien, stehen für die Reinheit Mariens. Ebenso wie die Pflanzen sind zwölf Vögel verschiedener Vogelarten detailgenau und wirklichkeitsgetreu dargestellt und somit identifizierbar (Brinkmann/Kemperdick 2002, S. 93ff.).
Farbgebung
Kompositorisch prägt die Farbgebung das Bild: Der weltlich blaue Himmel rahmt die zum Buch geneigte anmutige Maria, deren blaues Gewand mit der blauen Kleidung der hl. Barbara und der des Erzengels korrespondiert. Die weißen Kleidungsstücke der Heiligenfiguren, die in Weißtönen gehaltene Mauer und der helle Tisch umschließen das ebenfalls weiß gekleidete Jesuskind in ihrer Mitte. Zugleich verstärken das leuchtende Rot der Gewänder der Jungfrauen, das Rot von Marias Buch, ihrem Sitzkissen, der Ärmel des hl. Georgs, der Blüten und Früchte die klare und ausdrucksstarke Komposition, die vom...

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