Ana Dimke

Poetik des Ruderalen

Zum Beispiel: Lois Weinberger

Der österreichische Künstler Lois Weinberger hat sich das Potenzial der ökologisch interessanten Lebensräume von Brachflächen künstlerisch zunutze gemacht. Dabei entwickelt er eine eigene Poetik des Umgangs mit Wildpflanzen.

Freie Ruderalflächen brachliegende Gebiete bilden in unserer durchkultivierten Landschaft die Ausnahme. In der Natur werden sie durch Umwälzungen, etwa Erdrutsche und Geröllstürze, hervorgebracht oder sie befinden sich an Schotterufern von Flüssen. Ruderalvegetationen entstehen auch auf wirtschaftlich ungenutzten, unverbauten Flächen, z.B. auf steinigen Abbruchhalden, städtischen Trümmerschuttböden, toxisch belasteten Industriebrachen oder an Verkehrswegen. Ihre historisch geprägte Entwicklung spiegelt die jeweilige Kulturgeschichte eines Landstrichs wider (Brandes 1985).
Bepflanztes Bahngleis
Lois Weinbergers anlässlich der documenta 10 entstandene künstlerische Arbeit hat auch nach über 20 Jahren nichts vom exotischen Charme des Wildwuchses verloren (Abb. 1 ). 1997 siedelte der Künstler im stillgelegten Bahngleis 1 des Kulturbahnhofs in Kassel sogenannte Neophyten an, die sich mit der dortigen Vegetation vermischen sollten. Im Schotterbett zwischen den Schwellen und Schienen wurden Pflanzen ursprünglich süd- und südosteuropäischer Herkunft eingebracht, welchen unterstellt wurde, dass sie schnellwachsend und sich großflächig verbreitend die einheimische Flora verdrängen würden.
Neophyten einbringen
Solch neobiotische Pflanzen können sich auch ohne direkten menschlichen Einfluss an einem Ort etablieren. Durch den weltweiten Güterverkehr gelangen sie seit Kolombus Zeiten in neue Areale und zeichnen sich durch Anpassungsfähigkeit und hohe Fortpflanzungsraten aus. In Bezug auf die Gefährdung der Biodiversität, werden sie heute auch mit dem Begriff „invasiv bewertet und auf einer „Schwarzen Liste des Bundesamtes für Naturschutz geführt (Nehring et al. 2013). Weinberger versetzte die Pflanzen aus seinem „Gartenarchiv (Trevor 2013, S. 231). Eine Bepflanzungsabfolge für das Kasseler Gleis ist auf der Zeichnung Track Bed / Bahnkörper, 1996 (Weinberger 2013, S. 164) skizziert, hier werden verschiedenen Pflanzenarten teilweise Ländernamen und Regionen zugeordnet, z. B.:
  • Flockenblume/Centaurea ruthenica/Ruthenische Kugeldis-tel Ruthenien, Ukraine
  • Salvia austriaca zwischen Illyrien, Jugoslawien, Dalmatien und Syrien
  • Acama Distel Griechenland
  • Solidago canadensis/Canadische Goldrute Kanada
  • Artemesia pontica/Pontischer Wermut Pontien
Aus dieser Sammlung findet sich nur das Porträt zur Canadischen Goldrute als tatsächliche Neophyte auf der „Schwarzen Liste der deutschen Naturschutzbehörde; die anderen gelten teilweise als sogar gefährdete und besonders schützenwerte Arten. Laut Bewertung ist Solidago canadensis mit der Ersteinbringung aus Kanada 1630 – 1651 in den Braunschweigischen Garten zu Hessen und dem Erstnachweis 1700 – 1842 u.a. in Sachsen deutschlandweit bereits flächendeckend etabliert. Der Goldrute werden negative ökosystemare Auswirkungen bescheinigt, da sie sich expansiv und hochreproduktiv verhalte (Nehring et al. 2013, S. 180f.). Umweltethisch wird die Begrifflichkeit „invasive Arten indessen kritisch diskutiert, denn die Kopplung „an das Kriterium der unerwünschten Auswirkungen stellt einen Rückfall des Naturschutzes in die bereits überwunden geglaubte Kategorisierung in ‚Nützlinge und ‚Schädlinge dar (Gorke 2018, S. 13). Überdies lässt sich Josef H. Reichholf zufolge keine wissenschaftliche Begründung für die Verfolgung fremder Arten finden. Zu den Pflanzen auf der „Schwarzen Liste führt der Evolutionsbiologe aus, „dass es sich ausnahmslos um Arten handelt, die von der Landwirtschaft, dem Straßenbau und der Wasserwirtschaft (bereits) bekämpft werden. Die Schäden, die sie verursachen, lassen sich nicht von denen einheimischer Arten unterscheiden, gegen die...

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