Sabine Lenk

Kunstpädagogische Fallberatung

Komplexe Anforderungen an Kunstlehrende

Es ist eine große Herausforderung, viele unterschiedliche Schülerinnen und Schüler mit ihren jeweiligen Bildern, Skizzen, Ideen individuell beratend zu unterstützen. In diesem Beitrag wird ein erprobtes Modell zur kunstpädagogischen Fallberatung dargestellt.

Montagmorgen: 29 Schülerinnen und Schüler sammeln Ideen und machen erste Skizzen für ihr Traumhaus, das sie später als Modell bauen werden. Während die anderen noch ihren Arbeitsplatz einrichten, kommt Mael auf mich zu: „Frau Lenk, ich bin fertig. Er zeigt mir eine kleine Skizze einer Kugel. „Welche Ideen hast du denn für die Inneneinrichtung?, frage ich ihn. „Weiß nicht. Ich weise ihn darauf hin, dass eine Kugel nicht so leicht als Wohnraum nutzbar ist wie ein Quader. „Zeichne doch mal einen Querschnitt und einen Grundriss. Ich gehe zu Rami, der zurückgelehnt auf seinem Platz sitzt und an die Decke schaut. „Na, Rami, wie sieht es bei dir aus? „Ach Frau Lenk, mir fällt nichts ein. Ich bin eben nicht kreativ. „Was hast du denn bis jetzt? „Gar nichts. „Gut Rami, in den nächsten 15 Minuten schreibst du alles auf, was dir in den Sinn kommt. Dann schauen wir weiter. Ich gehe zu Soraya, die eine kleine, zarte Skizze gemacht hat. Sie fragt mich: „Ist das so gut, Frau Lenk?
Komplexes Spannungfeld
Für die vielfältigen Beratungssituationen muss der Lehrende die unterschiedlichen bildnerischen Qualitäten und Probleme sowie die individuellen Bedürfnisse, Erwartungen und Befindlichkeiten vor dem Hintergrund der formulierten Aufgabe erfassen und eine angemessene Form der Beratung entwickeln. Teilweise wird auf Grundlage künstlerisch-gestalterischer Erfahrung und Kompetenz beraten, viele Beratungsformen entspringen aber auch der Intuition. Dabei bewegen sich Kunstlehrer meist in einem durch ambivalente Ziele gekennzeichneten Feld:
  • Radikale Offenheit versus Orientierung und Sicherheit
  • Förderung künstlerisch-gestalterischer Kompetenzen versus Förderung persönlicher Entwicklung
  • Verunsicherung und Irritation versus Anerkennung und Bestätigung usw.
Es geht also um ein Ausbalancieren verschiedener Ansprüche und Lernziele. Kunstlehrende bewegen sich in diesem komplexen Spannungsfeld, sodass Beratung je nachdem, welcher Bereich gerade verstärkt gefördert werden soll zum Teil sehr differente Stoßrichtungen haben kann und muss. Darauf können weder das Studium noch das Referendariat angemessen vorbereiten, weil sich im täglichen Tun immer wieder neu die Frage stellt, welche Interventionen und Beratungsformen in den jeweiligen Kontexten angemessen sind.
Vor dem Hintergrund dieser Problematik hat sich 2016 unter Federführung von Tanja Wetzel und Rainer Mügel eine Arbeitsgruppe gebildet mit dem Ziel, eine praktikable Form berufsbegleitender Förderung der Beratungskompetenz von Kunstlehrerinnen und -lehrern zu entwickeln.
Die Ergebnisse wurden in einem BDK-Sonderheft für Hessen und Niedersachen zusammengestellt*. Im Folgenden soll das von uns entwickelte Modell einer kunstpädagogischen Fallberatung kurz vorgestellt werden.
Reflexivität als Voraussetzung für gelungene Beratung
Um Beratungskompetenz auszubilden, um differenziert und sensibel beraten zu können, muss man einem kunstpädagogischen Ansatz folgen, der sich aus dem Wissen um die Subjektivität der Jugendlichen und um die Offenheit und Vielfalt ästhetischer Prozesse ergibt. So heißt es z.B. im aktuellen Friedrich-Jahresheft: „Erfolgreiches Feedback ist nicht nur eine Frage der Kompetenz, sondern vor allem auch der Haltung. (Friedrich-Jahresheft Feedback 2019, S. 1)
Der Begriff der Haltung wird als Brückenkonzept aus der therapeutischen Praxis für professionelles Lehrerhandeln geltend gemacht. Dabei meint Haltung ein dynamisches Prinzip, welches das Handeln bestimmt. Die Ausbildung der eigenen Haltung ist ein lebenslanger, nie abgeschlossener Prozess. Frauke-Annegret Kurbacher definiert Haltung als ein...

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