Dorit Köhler

Geometrie und Entfremdung

Vom Küchengarten zur modernen landwirtschaftlichen Produktion

Garten-Kunst und nachhaltige Landwirtschaft sind das Ergebnis eines historischen Prozesses: Zwar hat sich der Mensch von der Natur emanzipiert und damit aus einer Abhängigkeit befreit, andererseits hat er die Natur aber ausgenutzt, sodass weite Teile zerstört sind. Der Mensch hat sich über die Natur erhoben und muss am Ende erkennen, dass sich die Ressourcen erschöpfen und ein Umdenken erforderlich ist. Diese Entwicklung wird anhand des Küchengartens aufgezeigt.

Der Küchengarten steht seit dem Mittelalter am Schnittpunkt zwischen Versorgung und Gestaltung (s. MATERIAL-Seite 1 ). Er ist in seiner Idealform beispielsweise im St. Galler Klosterplan überliefert und diente der Versorgung der Klosterbewohner mit Obst, Gemüse und Heilkräutern (Abb. 1 ). Am oberen Rand links befindet sich der kleine Kräutergarten mit acht Beeten in zwei Reihen; über der Klosterkirche dann der Baumgarten (gleichzeitig Friedhof); noch weiter rechts, aber noch nicht ganz am Rand, liegt der eigentliche Klostergarten mit 18 Beeten in zwei Zeilen.
Sammeln und Sortieren
In der Renaissance empfinden die Menschen unzivilisierte Gegenden als furchterregend. Daher werden Gärten zunehmend aufwändig und geometrischen Prinzipien folgend gestaltet (s. MATERIAL-Seite 2 ). Die Elemente der Natur sind im Garten systematisiert und nachgebildet (vgl. Wimmer 1989). Naturwissenschaftliche Prinzipien des Sammelns, Vermessens und Systematisierens finden Eingang in die Gartenanlage, wobei eine stark formalisierende Gestaltung die Ästhetik prägt und der Garten zunehmend als Ausdruck von wirtschaftlicher und politischer Macht verstanden wird (vgl. Hansmann 1983, Laird 1994, Pizzoni 1997).
Höfische Reräsentation
Im Barock werden Gärten zunehmend darauf ausgerichtet, der Hofgesellschaft einen erholsamen Aufenthaltsort und Unterhaltung zu bieten und dienen der höfischen Repräsentation (vgl. Asmussen-Stratmann 2009). Bei den Küchengärten dieser Zeit steht eine Steigerung des Ertrags der Pflanzen im Mittelpunkt und die Möglichkeit, die saisonale Verfügbarkeit von Obst und Gemüse zu vergrößern, sodass zum Beispiel Erdbeeren im März und Salat im Januar zu ernten sind (vgl. Richter 2013) (s. MATERIAL-Seite 3 ).
Der Potager du Roi
Ein herausragendes Beispiel für den Küchengarten im Barock ist der Potager du Roi, den Ludwig XIV. zwischen 1678 und 1683 anlegen ließ (Abb. 2 ). Dieser wurde zwischen 1678 und 1683 als südliche Erweiterung und Teil des Lustgartens von Versailles von Jean Baptiste de la Quintinie entworfen, der auch die Umsetzung anleitete. Er nutzte wissenschaftliche Neuerungen im Bereich der Hydrologie, um ein effektives System der Wasserversorgung zu gestalten. Die Anlage besitzt ein großes zentrales Beet Jardin des Gros Légumes das aus 16 kleineren Beeten besteht, die um ein zentrales Becken angeordnet sind. Umgeben wird das Gebiet von einer von dem Architekten Mansart geplanten Mauer, die 29 Kammern enthält, in denen neben Melonen auch Pfirsiche, Gurken und andere wärmebedürftige Pflanzen gedeihen (vgl. David 2011).
Hier wird der Anbau von Obst und Gemüse kunstvoll in Szene gesetzt. Der Künstler formt im Auftrag des Herrschenden die Natur zu einem Garten, der „eine geordnete, sinnvolle und sinnreiche Gestalt erhält (Hansmann 1986, S. 8). Kunst wird hier als Ausdruck des menschlichen Wollens verstanden und die Natur als außermenschliches Wollen. Der Garten vereint beide Anteile miteinander und setzt sie als bewusstes Übertreffen der Natur, als vernünftiges, zweckmäßiges Tun innerhalb der gottgefälligen Ordnung in Szene (vgl. Wimmer 1989). Die Natur muss übertroffen und korrigiert werden, da sie zu ungeordnet und verwirrend erscheint. In seinen Instructions pour les jardins fruitiers et potagers gibt La Quintinie dezidierte Anweisungen, um den Ertrag und die Qualität der Erzeugnisse zu steigern. Sowohl bei der Anlage des...

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