7. – 10. Schuljahr

Alexander Tilgner

Augmented Porträts

Ein Experiment zur Erweiterung von Zeichnungen

In zwei 7. Klassen einer Integrierten Gesamtschule wird das Thema „Porträtzeichnen erweitert. Die Schülerinnen und Schüler nutzen Augmented-Reality-Apps, die sie aus ihrem Alltag kennen. So ergeben sich neue Zugänge zum Thema Porträt und zum Umgang mit dem Smartphone.

Die Porträtzeichnung: Kaum ein anderes Genre hat eine so lange kunstgeschichtliche Tradition. Im Kunstunterricht wird es immer wieder als Wunschthema genannt.
Das Smartphone: Dessen Nutzung im Kunstunterricht beschränkt sich meist auf Fotografie oder Recherche. Neuere Funktionen der Geräte welche die Schülerinnen und Schüler täglich selbstsozialisiert einsetzen werden selten einbezogen.
An beide Gedanken anknüpfend soll eine Unterrichtseinheit zur Porträtzeichnung durch den Einsatz von Augmented-Reality-Optionen des Smartphones aktualisiert und erweitert werden. Dabei werden zwei Ziele angestrebt:
  • Ein Ziel ist die Ausbildung der Zeichenfähigkeit: Die Schülerinnen und Schüler sollen das von ihnen Gesehene bewusst wahrnehmen und naturalistisch in Form einer Zeichnung inklusive Schattierung darstellen.
  • Ein weiteres Ziel ist die Schulung der Bildkompetenz die Trinität aus Produktion, Reflexion und Rezeption (Bering et al. 2013, S. 52f.).
Vorübungen: Traditionelle Zeichenaufgaben
Die Unterrichtseinheit beginnt mit Übungen zu unterschiedlichen grafischen Techniken (Punktzeichnung, Ein-Strich-Zeichnung, Schraffur usw.) in einem Leporello.
Im nächsten Schritt wird die Technik des Schraffierens zur Darstellung von Räumlichkeit wiederholt und anhand von Detailskizzen und -studien von einzelnen Gesichtsteilen erprobt. Für diese Übungen bieten sich differenzierte Vorlagenblätter an (z.B. Daucher 2008), sodass die Schülerinnen und Schüler selbstständig ihren Schwierigkeitsgrad wählen können.
Im letzten Teil der Zeicheneinheit erschließen sich die Lernenden die auch von Albrecht Dürer angewandte Rastermethode (Weltbild o. J.) und vergrößern ein selbst gewähltes und mitgebrachtes Porträtfoto als naturalistische Zeichnung inklusive Schattierung.
Weiterarbeit mit dem Smartphone
Die gezeichneten Porträts bilden das Material für den zweiten Teil der Reihe, bei der das Smartphone nach dem didaktischen BYOD-Ansatz („Bring Your Own Device, d.h. „Bring dein eigenes Gerät mit.) zum Einsatz kommt (vgl. K+U 2017, S. 8).
Zur Weiterarbeit mit den Zeichnungen stehen den Lernenden zwei unterschiedliche Aufgaben-Typen zur Auswahl, die parallel in einer Doppelstunde durchgeführt werden können.
Einsatz der App Snapchat
Snapchat gehört zu den am häufigsten von Jugendlichen benutzten Apps (Medienpädagogischer Forschungsverbund Südwest 2018, S. 35) (s. Kasten 1).
Snapchat
Snapchat
Die App Snapchat ist besonders für ihre Live-Filter bekannt. Diese werden eingesetzt, um die Gesichter der Userinnen und User beim Erstellen von Selfies so zu verändern, dass beispielsweise Bärte, Hasenohren oder andere visuelle Modifikationen in 3D und teilweise animiert ergänzt werden.
Die Filter in der App Snapchat funktionieren mithilfe von Algorithmen, die das humanoide Gesicht erkennen, sodass die Software „weiß, wo die zu ergänzenden visuellen Informationen wie virtuelle Ohren usw. im Bild zu platzieren sind. Hierzu muss das Gesicht als dreidimensionales bzw. als dreidimensional dargestelltes Objekt erkannt werden.
Da diese App schon vor der Durchführung des Projekts auf allen Smartphones vorhanden war, kann man vermuten, dass die Live-Filter bei den Heranwachsenden sehr beliebt sind. Der Kunsthistoriker Wolfgang Ullrich nennt als Grund für die Faszination dieser Software-basierten virtuellen Veränderung des eigenen Gesichts den Charakter der Maske, der es einerseits ermöglicht, sich zu schützen, es auf der anderen Seite aber erlaubt, risikolos unterschiedliche Rollen zu erproben (Ullrich 2019, S. 16). Die Lernenden legen bei dieser Aufgabe ihre erstellten...

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