Katja Gunkel

Hacking MoMA

Kritik am „Kunstbetrieb mittels der Augmented-Reality-App MoMAR

Was hat musealen Wert und was nicht? Wer entscheidet darüber nach welchen Kriterien? Fragen, die auch im Kunstunterricht immer wieder gestellt werden. Scott Garners interaktive Augmented Reality-Animation MoMAR befragt die beanspruchten Deutungshoheiten des traditionellen Kunst- und Kulturbetriebs.

Smartphones gehören heutzutage zum Rüstzeug eines Museumsbesuchs. Speziell die Kamerafunktion ermöglicht einen beschleunigten, quantitativ optimierten Kunstkonsum und dient auch als Kronzeuge wie Komplize zur Kommunikation hochkultureller Kennerschaft (vgl. Jacobs 2017). Zwischen Rezipientin bzw. Rezipient und Kunstwerk gesellt sich im Museumsalltag nun oft ein mobiles digitales Endgerät.
Deshalb störte sich niemand daran, als sich der Jackson-Pollock-Raum im Museum of Modern Art (MoMA) in New York am Abend des 2. März 2018 mit Besuchenden füllte, von denen auffällig viele statt der Gemälde den Touchscreen ihres Mobilgeräts betrachteten. Unter dem Titel Hello, were from the internet (https://momar.gallery/exhibitions/werefromtheinternet.html) eröffnete zu diesem Zeitpunkt die erste Gruppenausstellung von MoMAR. Dies ist ein unautorisiertes, auf Augmented-Reality-Technologie (AR) basierendes Galeriekonzept, das sich die Allgegenwart von Smartphones und Tablets zunutze macht, um mithilfe der kollaborierenden Besuchenden performativ in die institutionellen Konstellationen des musealen Realraums zu intervenieren. Kollektiv-gemeinnützig organisiert und somit dem Gedanken des Commoning verpflichtet (vgl. weiterführend Helfrich/Bollier 2019), versteht sich MoMAR als nicht kommerzielle, basisdemokratische Alternative zu einer aufgrund von Privatisierung und Ökonomisierungszwängen zunehmend verflachenden Museumsarbeit (vgl. https://momar.gallery/about.html und Sternfeld 2018, S. 17).
Pollock als (Image-)Target des zeitgenössischen Bilderkanons
Das Werk Number 1B (2018) des US-amerikanischen Medienkünstlers Scott Garner ist eines von acht AR-Exponaten, die im Rahmen der Gruppenausstellung an ausgewählte Werke von Jackson Pollock „andocken. Garner konzipiert eine Art vorgetäuschtes computerbasiertes Prüfsystem, das vorgibt, in der Lage zu sein, „schlechte Kunst zu identifizieren und auf Knopfdruck automatisch zu „reparieren, d.h. ästhetisch aufzuwerten.
Anhand der hier abgedruckten Reproduktion von Jackson Pollocks Werk Number 1A (1948) (Abb. 1 ) lässt sich eine interaktive Animation abrufen. Diese beginnt mit der alarmierenden Warnmeldung „Corrupted Image Detected (Abb. 2a ) (s. Kasten).
Technische Hinweise
Technische Hinweise
Der Zugang zu den virtuellen Exponaten setzt Wissen um deren Existenz, das nötige technische Equipment sowie kontextspezifische Medienkompetenz voraus.
Android-Nutzende installieren über den jeweiligen App-Store zunächst die kostenfreie App MoMAR. Nach dem Öffnen und Bestätigen der benötigten Zugriffsrechte wird die rückseitige Kamera des Smartphones oder Tablets auf das jeweilige Gemälde bzw. eine fotografische Reproduktion z.B. hier direkt im Heft desselben ausgerichtet.
Unter Verwendung kostenfrei zugänglicher Programmversionen von Game Engine Unity und Vuforia, ein Softwaresystem zur Entwicklung mobiler AR-Anwendungen, bieten die Kunstschaffenden überdies online eine Open-Source-Anleitung zur Gestaltung eigener AR-Werke an (vgl. https://momar.gallery/opensource.html).
Mit der Nutzung von Microsoft-Windows-Dialogfenstern bis heute ein integrales interaktives Element grafischer Benutzeroberflächen greift Garner Bestandteile der Desktopmetapher auf. So simuliert er auf dem Touchscreen visuell die Ausführung eines Computerprogramms. Die integrierte Schaltfläche weist die Betrachtenden zur Initialisierung des Programmbefehls („Analyze) an. Durch Drücken aktiviert, vollzieht sich die Datenerfassung als quasi-magische Handlung einzig der kontinuierlich anwachsende...

Weiterlesen im Heft

Vorteile im Abo

Exklusiver Online-Zugriff auf die digitalen Ausgaben der abonnierten Zeitschrift
Print-Ausgabe der abonnierten Zeitschrift bequem nach Hause
Zusatzvorteile für Abonnenten im Online-Shop genießen