Marie Johanna Trautmann

Schnittstellen von Virtualität und Realität

Alicja Kwades Werk WeltenLinie

Alicja Kwade befasst sich in ihren künstlerischen Arbeiten mit wissenschaftlichen Theorien, ohne dabei lediglich simple Visualisierungen zu erstellen. Im Mittelpunkt ihres Werks WeltenLinie (2018) stehen Fragen nach der Konstitution von Wirklichkeit und deren Beschaffenheit.

WeltenLinie (Abb. 1 ) bezieht sich auf einen Begriff der Relativitätstheorie. Alicja Kawade schafft mit dieser Arbeit einen irritierenden Erfahrungsraum, durch den sich die Betrachtenden bewegen können. Die dabei wahrnehmbaren messbaren Größen sind die des Raumes und die der Zeit. Beide sind sowohl in der physikalischen als auch in der philosophischen Betrachtung im Grunde untrennbar miteinander verknüpft. In ihrer inhaltlichen Verbindung zur Physik liegt das Potenzial der Arbeit, real existierende, aber im Realraum nicht sichtbare Phänomene erfahrbar zu machen.
Konstruktion der WeltenLinie
Die Arbeit WeltenLinie wurde für die Kunsthalle zu Kiel konzipiert und besteht aus ineinander verschränkten Stahlrahmen, wobei drei der Rahmen beidseitig verspiegelt sind. Zwischen diesen Rahmen sind neun verschiedene Objekte auf dem Boden platziert (Abb. 2 ). Das zentrale Objekt ist ein Stück eines unbearbeiteten Baumstammes. Die einzelnen Objekte weisen über ihre Farbigkeit und Materialität verschiedene Bezugspunkte zueinander auf.
Dem zentralen Baumstamm gegenüber steht ein grünlicher Bronzeguss. Dafür wurde der Baumstamm mithilfe eines 3D-Scanners erfasst und digital gespiegelt. Daraus wurde eine Gussform hergestellt. Der Korrosionsprozess wurde künstlich beschleunigt, um eine grüne Patina wie bei Kupferdächern zu erzeugen. Hiermit wird die Relativität der Zeit verdeutlicht, da das Objekt älter aussieht, als es ist.
Anhand dieses Objektpaares der beiden Baumstämme zeigen sich bereits verschiedene Aspekte der Verzahnung von Virtualität und Realität in der Installation.
Bezüge zur Relativitätstheorie
Die Relativitätstheorie Albert Einsteins stellt unsere Grundvorstellungen über Raum, Zeit und Materie infrage beispielsweise, dass die Zeit für alle gleich schnell vergehe. Die Erkenntnisse aus der Relativitätstheorie entsprechen nicht unseren intuitiven Annahmen über Raum und Zeit, die immer noch größtenteils auf Newtons Feststellungen basieren.
Messungen, die wir mit Lineal oder Uhr vornehmen, bilden nicht die Wirklichkeit ab, sie zeigen nur die äußerlichen Erscheinungen. Da diese Messungen die Raumzeit in die Bestandteile des Raumes und der Zeit aufspalten, können sie nicht die Wirklichkeit aufzeigen (vgl. Stannard 2010, S. 46).
Der Begriff der Weltlinie „bezieht sich auf die Linie in einem Raum-Zeit-Diagramm, die den Pfad eines Objekts oder Lichtpulses darstellt. (Stannard 2010, S. 42). In Verbindung mit der Linienstruktur der Arbeit Kwades wirft er die Fragen auf, inwiefern alle Weltlinien miteinander verknüpft sind und ob wir uns nur auf einer konstant fortschreitenden Linie bewegen können.
Die Arbeit der Künstlerin ist kein physikalisches Modell und auch keine Illustration. Daher lässt sie sich auch mit dem Verständnis des physikalischen Begriffs der Weltlinie nicht gänzlich durchdringen. Alicja Kwade sagt, sie gehe von Theorien aus, die sie sich aneigne: „Diese beschreiben Modelle und Phänomene, die so abstrakt sind, dass sie nicht abbildbar sind. Und diese nicht abbildbaren, sehr abstrakten Theorien versuche ich für mich, mit meinen Mitteln zu visualisieren. (Kwade 2018, S. 20).
Auch die Physik selbst, auf die sich Kwade in ihrer Bearbeitung der Relativitätstheorie bezieht, operiert laut des Designwissenschaftlers Holger van den Boom an der Schnittstelle von Virtualität und Realität. „Physik, die für Alles zuständige Theorie, hat es zuletzt nicht nur mit realen Wirklichkeiten, sondern vor allem mit realen, mathematischen Möglichkeiten zu tun. (van den Boom 2006, S. 13).
Digital generierte Objekte im Realraum
Kwade...

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