Anne Esser | Johannes Kirschenmann

Vom Bild aus: Gender

Marienbildnisse

Marienbildnisse haben in der langen Geschichte der Kunst bis zum späten 19. Jahrhundert eine Ausnahmestellung: Eine Frau bildet das absolute Zentrum des Bildes. Als Mutter von Jesus, Gottes Sohn, ist sie jenseits weltlicher Hierarchien.

Dies ist der fünfte Beitrag einer Folge von Materialien zur Genderdebatte. Diese Serie wird in den nächsten Ausgaben von KUNST+UNTERRICHT fortgesetzt.
  • Geschlecht und politische Diskussion (in: K+U 429/430//2019, Beilage: IM FOKUS: Gender)
  • Paare, Ehepaare und Verträge (in: K+U 431/432//2019, S. 81ff.)
  • Blicke des Begehrens und der Macht (in: K+U 435/436//2019, S. 61ff.)
  • Künstler, Modell, Puppe (in: K+U 437/438//2019, S. 82ff.)
  • Marienbildnisse
  • Aufbrüche, Umbrüche, Auflösung und Geschlechterkampf
  • Das Genderthema in Jugendfilmen
Im Bild als Objekt der Andacht vermittelt Maria zwischen den Gläubigen und Gott. Als Madonna oft ohne weitere Attribute erscheint sie als verehrtes Kultbild. Nimmt sie die zentrale Position auf den großen Altären ein, so rückt sie visuell in das Zentrum der Gottesdienste. Gemalt oder als Skulptur kommt ihr in vielen Funktionen die Rolle der Schutzpatronin im ländlichen wie städtischen Leben zu.
Frühe Marienbilder
Bis zur Gotik weist die Figur der Maria im Kultbild über den Augenblick hinaus ins Jenseitige von der gegenwärtigen irdischen Ordnung in die höhere Ordnung der himmlischen Sphäre. Diese frühen Marienbilder sind mit ihrer ikonischen Kraft an feste Orte des religiösen Brauchtums gebunden. Sie haben ihre Funktion im gemeinschaftlichen Ritual und nicht in der individuellen, persönlichen Andacht.
Andachtsbilder
Mit der Gotik rückt das Andachtsbild immer mehr in den religiösen Funktionszusammenhang. Maria wird zur Mittlerin der Zwiesprache des Menschen mit Gott. Und infolge dieser Personalisierung der Bildnisfunktion tritt das Marienbild stärker in den privaten Wohnraum und wird dort zum Zentrum der individuellen oder familiären Andacht. Das Typisierende der Marienikone aus dem Kultbild wird ersetzt durch eine bewegende Gestik und anrührende Mimik. Als Schutzpatronin von Zünften oder Städten breitet sie nicht nur beschützend ihre Arme oder ihren Mantel aus sie lädt auch den Menschen zur Andacht und zu einer religiös inspirierten Reflexion seines Tuns ein.
Zwei ästhetische Momente stützen die Funktion der Andacht: Mit prächtigen Gewändern, anmutiger Haltung und mildem Lächeln wird die befreiende und aufhelfende Maria charakterisiert und zur gleichen Zeit werden über Pietàbilder (Jesus als Schmerzensmann) Momente der Passion und des Leidens aufgerufen Marienbildnisse bekommen nun auch die Aufgabe der Erziehung oder Belehrung. Die Steigerung des psychologischen Ausdrucksgehaltes wird erzielt durch eine mit der Spätgotik anwachsende künstlerische Freiheit in der Gestaltung des Ausdrucks.
Lukas als Schutzpatron der Maler
Unter den Evangelisten stand Lukas im Ruf, die Geburts- und Kindheitsgeschichte von Jesus präzise beschrieben zu haben. Früh in der Kirchengeschichte wurden Marienbilder Lukas zugeschrieben. Als Evangelist schuf er ein bildhaftes Dokument von der Kindheit Jesu als Reliquie, die gegenüber jedem Bilderverbot erhaben war. Über 7000 Marienbildnisse wurden ihm zugeschrieben und mit dieser Expertise gelangte er zu Beginn des 14. Jahrhunderts in den Rang eines Schutzpatrons der Malerzünfte. Noch immer war die große Mehrheit der Gläubigen des Lesens unkundig und erst im späteren Bürgertum bildete sich die Fähigkeit aus, die reiche Symbolsprache der Marienbilder differenziert zu verstehen. So blieb für das breite Volk die Meinung, dass Maria in all den Bildvariationen gegenwärtig sei und durch die andächtige Nähe zudem bildend wirke.
Marienbildnisse in der Reformation
Die Popularität von Maria erfuhr mit der Reformation einen schweren Rückschlag. Die spirituelle Mutter mit dem Versprechen der keuschen Liebe wurde...

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