7. – 10. Schuljahr

Lisa Weber

Privatheit und Intimität

Kunstvermittlungsprojekt zu analogen Kunstwerken mit virtuellen Erweiterungen

Der Beitrag skizziert einen Vermittlungsansatz, der die Erkundung der virtuell erweiterten Realität eines Kunstwerks zum Ausgangspunkt analoger plastischer Gestaltungen nimmt. Diese Kleinplastiken von Schülerinnen und Schülern einer 7. Klas-se werden dann narrativ und fotografisch zu dem Werk in Beziehung gesetzt.

Viele zeitgenössische Künstlerinnen und Künstler arbeiten mit der Augmented-Reality-Technologie. Sie fügen ihren analogen Werken virtuelle Ebenen hinzu, die in Ausstellungen von Besuchenden mittels des eigenen Smartphones oder zur Verfügung gestellter Tablets erfahrbar sind.
Die begehbare Installation Slide to Expose des Berliner Kunstkollektivs Refrakt (gemeinsam mit den Künstlerinnen Nicole Ruggiero und Molly Soda) (s. MATERIAL-Seite 6) war Teil der Gruppenausstellung Virtual Insanity in der Kunsthalle Mainz (2018).
Begegnung mit dem Werk
In der Ausstellung erkundeten die Schülerinnen und Schüler zunächst gemeinsam das Werk im Raum (http://refrakt.org/slide-to-expose) (s. a. MATERIAL-Seite 6). Mithilfe der App Refrakt, entwickelt von der Künstergruppe, konnten sie Textilprints und Alltagsgegenstände mit dem iPad abscannen. Auf diese Weise hatten sie Einblicke in ein Schlafzimmer einer fremden, vermutlich weiblichen fiktiven Person ihres Alters. Die Augmented-Reality-Ebene des Werks gab zunächst nicht wahrnehmbare Bedeutungsebenen frei. Sie verwies häufig auf die Kommunikationsformen und Gepflogenheiten, die in sozialen Netzwerken zu beobachten sind.
Eigene Gestaltungen
Im Anschluss an die Erkundung des Raumes entwarfen die Lernenden etwa handgroße „Wesen aus einer fremden Welt und formten diese aus bunter Knete. Gemeinsam wurde ein unerwarteter Besuch dieser Wesen im Teenagerzimmer von Refrakt inszeniert. Die Schülerinnen und Schüler schlüpften in die Rolle der Jugendlichen, die das Zimmer bewohnen könnten, und führten die „fremden Wesen mit der App auf dem Tablet durch die Installation (Abb. 1 ).
Die spontanen Reaktionen, Kommentare und Dialoge mit den „Wesen aus Knetmasse wurden in Form von Screenshots auf dem Tablet, Fotos und in schriftlichen Aufzeichnungen festgehalten.
Bei einem darauffolgenden weiteren Besuch in der Kunsthalle wurden die ausgedruckten Screenshots gesichtet. Eine Auswahl wurde zu einer Bildergeschichte auf einem Plakat zusammengefügt, bei dem digitale Elemente aktiviert werden können (s. Kasten) ergänzt durch eine Textebene (Abb. 2 ).
Digitale Elemente der Abbildung 2
Digitale Elemente der Abbildung 2
  • App Refrakt laden!
  • Download: „Slide to Expose!
  • „Start aktivieren!
  • Wenn man die Tablet- oder Smartphone-Kamera auf die Schrift rechts oben („I post therefore I am) hält, erscheint mit etwas Geduld eine 3D-Skulptur des ausgestellten Werks auf dem Touchscreen!
Präsentation
Die großformatigen Plakate wurden zusammen mit den Knetfiguren in einer Ausstellung der Schülerinnen und Schüler in der Kunsthalle Mainz und am Tag der offenen Tür der Kanonikus-Kir-Realschule plus gezeigt. Die Schülerinnen und Schüler diskutierten miteinander sowie mit den Lehrkräften, Geschwistern und Eltern relevante Fragen: Was ist die digitale Welt? Welche Informationen über mich will ich in dieser veröffentlichen? In welchen Situationen gebe ich Daten, Bilder und Informationen preis, ohne es zu merken? Bezüge zum Titel des Werks Slide to Expose („Verschiebe, um zu entblößen) wurden hergestellt: Was ist real? Wo beginnt die „virtuelle Welt? So war es den Jugendlichen möglich, ihre Erfahrungen zu verbalisieren, mitzuteilen und Rückschlüsse auf ihr eigenes Verhalten in digitalen Räumen zu ziehen.

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