8. – 13. Schuljahr

Cornelia Schnatterer

Bewegte Momente

Von der Bewegung im Raum zum Kostümentwurf

Die Arbeit mit heterogenen Gruppen erfordert besondere Vorgehensweisen. In diesem Inklusionsprojekt mit Förderschülern, Gymnasiasten und Studierenden führen textile Materialien und künstlerische Prozesse mit nonverbalen, sinnlichen und spontanen Körpererfahrungen zu besonderen Begegnungen.

Die Ausgangssituation für den hier beschriebenen Projekttag wird von zwei Elementen bestimmt:
  • die Teilnehmer: eine heterogene Gruppe von circa 40 Heranwachsenden und jungen Erwachsenen im Alter zwischen elf und 25 Jahren, die sich hinsichtlich ihrer persönlichen Interessen, familiären und kulturellen Hintergründe, individuellen Entwicklungsstands, ihres Wahrnehmungs- und Ausdrucksvermögens sowie ihrer persönlichen Frustrationstoleranz stark underscheiden.
  • das textile Material als verbindendes Element, das den „roten Faden im Projekt darstellt: Zum einen sind textile Materialien Teil der Lebenswelt eines jeden Mitglieds dieser Gruppe, zum anderen war der kreative Umgang mit Textilem bereits Inhalt aller im Vorfeld stattgefundener Treffen sowie der Projektwoche selbst.
Projektablauf
Nach dem ersten gemeinsam verbrachten Tag, an dem sich die Projektteilnehmer einander angenähert, Vertrauen zueinander gefasst und erste gestalterische Vorhaben umgesetzt haben, ist der Plan für den zweiten Tag, die Heranwachsenden in einer Bewegungseinheit zu Musik, für Formen, Farben und taktile Qualitäten von Textilem zu sensibilisieren. Davon inspiriert, sollen im Anschluss in Kleingruppen Kostüme für Fantasiefiguren entworfen und abschließend präsentiert werden.
Bewegung im Raum
Am Morgen des zweiten Projekttages wird die Gruppe ohne weitere Erklärungen in den Bewegungsraum gebeten, wo sie sich in Kreisform auf den Boden setzen soll.
In ihrer Mitte sind bunte, unterschiedlich große Stoffbahnen auf dem Boden verteilt. Außerdem sind einige Studierende in einem sogenannten Tanzsack einer dehnbaren, atmungsaktiven, mittels Klettverschluss zu öffnenden, körpergroßen Stoffhülle versteckt.
Es folgt kurze Einleitung mit der Information, dass nun eine Reise in einen Zauberwald bevorsteht und man gespannt auf Formen und Farben sein darf. Dies bietet eine Art Rahmen und soll vor allem ängstliche Schüler auf das Kommende vorbereiten.
Nun wird Musik eingespielt sphärische Klänge in wechselnder Lautstärke, Geschwindigkeit und Intensität , in deren Rhythmus die Tanzsäcke langsam zum Leben erwachen, unterschiedliche Gebilde formen und sich schließlich durch den Raum bewegen (Abb. 1 ).
In dieser Phase der Beobachtung (ca. 5 – 10 Minuten) wird die Aufmerksamkeit auf Farben, Formen, Materialien und Klänge gelenkt und somit eine achtsame Atmosphäre geschaffen. Dann geben sich die Studierenden zu erkennen und reichen ihre Tanzsäcke an die im Kreis Sitzenden weiter.
Die Reaktionen der anderen Projektteilnehmer sind sehr unterschiedlich: Sie reichen von gänzlicher Abwehr einer aktiven Teilnahme oder dem bloßen Wahrnehmen und Beobachten des Dargebotenen über zögerliches und schrittweises Annähern, gemeinsames Einlassen in Paaren bis zum freudigen, begeisterten und eigeninitiativen Ausprobieren der Tanzsäcke.
Die ersten Bewegungen der Heranwachsenden sind noch keine Tanz- oder Erkundungsbewegungen, sondern eher ein Gehen mit Stoffbahn am Körper. Es dauert eine Weile, bis sie sich sicher genug fühlen, um die Möglichkeiten im Raum zu entdecken wie:
  • Das Experimentieren (Einwickeln, Austesten der Spannungen des flexiblen Materials durch unterschiedliche Körperstreckungen, Ein- und Verhüllen von anderen in lange Stoffbahnen usw.).
  • Das Erfinden von Kostümen (Herrschermäntel und wallende Prinzessinnen- oder Modellkleider).
  • Das Entwickeln von Spielszenen (Interaktion zwischen imaginierten Figuren).
Der Spieltrieb wird zuerst und vor allem bei den Schülerinnen und Schülern mit Förderbedarf geweckt, die diesen größtenteils frei und ungehemmt ausleben wa...

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