Timo Bautz

Lernen ohne Interaktion?

Das Klassenzimmer ist der einzige Ort, wo unsere Teilnahmefähigkeit für themenzentrierte Interaktion verpflichtend geübt wird. Die Spannen der Aufmerksamkeit werden gedehnt, einfach dadurch, dass der Stoff klassenöffentlich vermittelt wird. Aufpassen und Mitmachen ist daher das oberste Gebot einer Schulstunde. Doch gilt das auch für Tabletklassen?

Aktuell verlieren Interaktionen als Grundform der Vermittlung an Boden. Die Pädagogik senkt die Erwartungen und reagiert mit Ausweichstrategien. Denn die Ursachen dafür liegen außerhalb ihrer Reichweite: im historischen Rückgang der Interaktion zugunsten von Fernkommunikation. Diese Ausgangsthese lässt sich in zwei Richtungen verfolgen:
  • Eine SMS schreiben wir aus sicherem Beobachtungsabstand mit eigener Regie. Das erlaubt es, Zeitpunkt und Adressaten zu wählen sowie Informationen und Argumente selbst zu bestimmen. So lassen sich Formulierungen und Ausreden finden, Gefühle abfedern oder mobilisieren unbemerkt von der anderen Seite. Unter gegenseitiger Beobachtung ist das anders, weil da auch Verlegenheit, Dissens und Pausen überstanden werden müssen. Wer sich früh daran gewöhnt hat, über Kurznachrichten zu kommunizieren und im Netz zu recherchieren, kann die Geduld und die Fähigkeit verlieren, sich in Interaktionen längere Zeit am Stück zu konzentrierten. Die Eigenregie (Wie informiere ich mich wann, worüber?) und der Abstandsvorteil (Wie teile ich das jetzt mit?) sind so komfortabel, dass die Kommunikation in Anwesenheit schwerer fällt. Es darf nicht zu lange dauern, muss kurzweilig sein, sonst werden Widerstände spürbar zumindest in Interaktionen mit wenig Ausweichtoleranz.
  • Die Verfügbarkeit von Informationen zu jeder Zeit und an jedem Ort begünstigt eine knappe und zugespitzte Mitteilungsform, die in vielen Kontexten verständlich ist. Das macht es einer Kommunikation schwer, die Umwege geht, Nichtgemeintes bezeichnet und Suchstrategien anregt, um ein genaueres Verstehen zu ermöglichen. Hinzu kommt, dass das Kompetenzgefälle, auf das organisierter Unterricht angewiesen ist, ständig unterlaufen wird. Wer unterwegs das Internet ansteuert, bekommt seine Fragen prompt beantwortet.
Diese Kontrasterfahrungen verstärken sich zulasten des Unterrichts, erhöhen seine Störanfälligkeit und legen Reformen nahe.
Auf den ersten Blick können mobile Endgeräte als vielversprechende Unterrichtshilfe erscheinen. Die Politik erkennt Nachholbedarf im internationalen Vergleich. Das kommt der Wirtschaft entgegen, die darauf wartet, den „Google-Classroom mit Geräten zu möblieren, und Eltern begrüßen es als zukunftssichere Bildungsinvestition für ihre Kinder. Unisono werden didaktische Konzepte für den Einsatz von Tablets gefordert.
Eine Frage der Transparenz
Smartboard und digitale Dokumentenkamera können Tafel und Overhead ersetzen, ohne den Unterricht groß zu verändern. Sie ermöglichen eine multimediale Stoffpräsentation auch mit bewegten Bildern ändern aber nichts an der Grundform des Unterrichts, bei der alle gleichzeitig sehen und hören, was verhandelt wird. Mit dem Tablet lernt jedes Kind für sich allein am Bildschirm. Unter dem Aspekt individueller Lernförderung kann auch das von Vorteil sein. Störungen werden selten und programmierte Vermittlungen erlauben es, das Lerntempo individuell zu steuern und zu entsynchronisieren. Doch die OECD-Studie von 2015 zeigt, dass Tabletklassen, trotz dieser Vorteile und höherer Motivation, nicht besser abschneiden. Was könnten die Gründe dafür sein?
Handschrift
Mit der Handschrift codieren wir Inhalte mehrfach und selektiver. Sie wird größer, kleiner, rückt ein, unterstreicht, das Layout wird unterteilt, der Inhalt strukturiert. Eine amerikanische Studie hat 300 Studierende nach einer Vorlesung getestet. Die Handschreiber konnten den Inhalt besser rekapitulieren als die Tabletschreiber. Obwohl die Tabletschreiber sich strenger an den Wortlaut hielten, gelang es ihnen schlechter,...

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