Christiane Schmidt-Maiwald

„Form follows Touch

Mit textilem Material dreidimensional gestalten

Textiles Material spricht unseren Tastsinn an. Der Impuls, Textilien anzufassen, führt zum Formen des textilen Materials. Durch Knautschen, Raffen und Binden entstehen körperliche Gebilde intuitiv und einfach. Ausgehend von der faszinierenden Vielfalt textiler Materialästhetik, ergeben sich die unterschiedlichsten Möglichkeiten, zu Volumina zu kommen, Raum zu füllen, Raum zu durchmessen, Raum zu strukturieren.

Textil besitzt alle Eigenschaften, die für das künstlerische Gestalten grundlegend sind: Farbe, Form, Fläche, Linie, leichte bis komplizierte Verarbeitungsgrade, Struktur und Textur.
Textile Kunst auch „Soft Art oder „Fibre Art genannt besetzt im Kontext Schule dennoch eine schwierige Nische, da sie im Bereich des einst nach Geschlechtern getrennten Handarbeits- bzw. Werkunterrichts und der angewandten Kunst gesehen wird.
Doch gerade in diesem Bezug steckt ein großes Potenzial des Arbeitens mit Textilien nämlich der unmittelbare Lebensweltbezug für Kinder und Jugendliche, denn unser aller Alltag wird über Textilien strukturiert: Schlafen, Wohnen, Kleiden, Verkleiden, Spielzeug, Freizeit, Hightech-Material im Architektur-, Automobil- oder Medizinbereich usw.
Darüber hinaus werden viele weitere Bereiche der bildenden Kunst einbezogen: Plastik, Performance, Installation und Environment.
Textil im Kinderzimmer
Kinder beginnen von klein auf und unabhängig vom Geschlecht, sich Höhlen aus Decken zu bauen oder sich mit Tüchern und Kleidungsstücken in Rollen zu fantasieren (vgl. Kirchner 2007, S.9).
Im Jugendalter bleibt das Interesse für Mode und Popkultur meist die einzige Beschäftigung mit der Bildenden Kunst und ermöglicht das Erfahren und Ausloten von Eigen- und Fremdwirkung über die modische Inszenierung (vgl. Schnurr 2011, S. 14).
Es besteht also wenig Berührungsangst mit dem aus dem Alltag vertrauten Material was gerade mit Blick auf das dreidimensionale Gestalten von Vorteil ist.
Textil im Klassenzimmer
Das räumliche Arbeiten kommt im Kunstunterricht häufig zu kurz, da es oft mit hohem Materialaufwand verbunden und die schulische Ausstattung nicht gegeben ist. Hier stellt der Soft-Art-Bereich eine kostengünstige und nachhaltige (durch das Recyclen alter Textilien) Alternative dar zumal man nicht auf Spezialräume angewiesen ist. Eine mobile textile Werkstatt lässt sich in jedem Klassenzimmer einrichten (s. Kasten 1).
Materialien und Werkzeug
Materialien und Werkzeug
Secondhandläden haben meist einen großen Bestand an nicht abgeholter Kleidung, die kostenlos abgegeben wird.
  • In Sozialkaufhäusern lassen sich Kurzwaren und Wolle billig nach Gewicht kaufen.
  • In 1-Euro-Läden finden sich kostengünstig Nähzubehör und Dekorationsmaterialien.
  • Liegengebliebene Kleidung in Schulen kann gesammelt und aufbereitet werden.
  • Zu Schuljahresbeginn kann man eine gezielte Sammelaktion starten: vereinzelte Socken, kaputte Strumpfhosen, alte Betttücher oder zu klein gewordene Kleidung usw.
  • Kleidung kann recycelt werden, indem Stoffstücke zugeschnitten und Strickwaren teilweise aufgetrennt werden.
Grundausstattung einer mobilen Textilwerkstatt im Kunstunterricht
  • Scheren, die nur für das Stoffschneiden reserviert werden (Achtung: Schneidet man damit auch Papier, werden sie stumpf!)
  • Klassensatz: Sticknadeln (spitz, dickes Öhr)
  • Päckchen: Nähnadeln
  • Klassensatz: Häkelnadeln
  • Großpackung: Sicherheitsnadeln
  • Baumwollgarn (schwarz und weiß, eine Spule Zwirn)
  • Kiste mit zugeschnittenen Stoffstücken, Stoffresten (nach Farben geordnet)
  • Baumwollstoff (alte Betttücher)
  • Kiste mit Wollresten
  • Bastelfilz
  • Klebstoff
  • Klebeband
  • Karton (zum Herstellen von Webbrettchen)
Über das Verarbeiten von Fäden und Stoffen lässt sich die räumliche Vorstellung schulen in Bezug auf das Ermessen von Volumina und das Begreifen von Raum-Körper-Beziehungen. Plastische Prinzipien der Raumplastik wie raumgreifend oder blockhaft ...

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