CHRISTIANE SCHMIDT-MAIWALD

„Schwebende Schwergewichte

Eine etymologisch-anthropologisch grundierte Spurensuche im Netzwerk des Ernesto Neto

Dieser Beitrag lotet die räumliche sowie assoziativ-kommunikative Wirkung von Netzen aus am Beispiel der textilen Rauminstallationen des brasilianischen Künstlers Ernesto Neto. Das methodische Vorgehen mittels einer Strukturanalyse versteht sich als Spurensuche, die mit dem Rückgriff auf Sprachbilder und kulturell verwurzelte Mythen aus dem Textilbereich die Wirkmacht von Netos gespannten Netzen erklären möchte.

Bei der 57. Biennale in Venedig stellte Ernesto Neto 2017 das Werk Um Sagrado Lugar (Ein sakraler Ort) aus. Neto ließ sich von einem indigenen Volk im westlichen Amazonas (Bundesstaat Acre) den Huni Kuin (auch Kaxinawá) inspirieren, die bei der Platzierung von Installationsobjekten mitwirken und auf deren textile Techniken Neto zurückgreift.
Seit 2014 arbeitet Neto mit den Huni Kuin zusammen. Die eigene Begegnung, die der Künstler als eine Art Erweckungserlebnis beschreibt (vgl. Neto im Interview mit Benhamou-Huet, 01.05.2017), spiegelt sich in seinen Installationen wie der Biennale-Installation oder der Ausstellung Heiliges Geheimis (Wien 2015) wider. So stellt er ein in Knüpftechnik abgehängtes Zelt bereit, in dem die Menschen in Verbindung treten sollen: untereinander, aber vor allem mit der Natur, um von dieser d.h. den Tieren und insbesondere den Pflanzen zu lernen. Dabei tritt der Künstler selbst auf in einem Joseph Beuys ähnlichen Gestus des Schamanen und spricht auf sein Publikum ein (vgl. Vogel, 29.07.2015). Es geht also um die Spiritualität des Textilen und das Netz als visuell-haptische Metapher für eine Vernetzung mit der Natur was aber noch nicht gänzlich die Faszination erklärt, die von Netos Textilinstallationen ausgeht.
Diese räumliche Wirkmacht soll nun an einigen Beispielen mittels einer Strukturanalyse genauer untersucht werden.
In and Out Again
Der Werkkomplex Madness is part of life, der 2013 in Tokio im Espace Louis Vuitton zu sehen war, stellt das Gelenkstück zwischen Netos Arbeiten seit den 2000er-Jahren dar, in denen der Künstler von Natureindrücken wie dem Urwald oder von Tieren beeinflusst extrem feingewebte, dehnbare Netzstoffe verarbeitet. Diese werden über Gestelle gezogen oder von der Decke abgehängt und mit Gewürzen gefüllt (Abb. 1 ).
Sinnliches Erleben
Bei den in den Ausstellungsraum eingedrungenen, zum Teil begehbaren, Membranen, wie auch in The Edges of the World (Abb. 2a u. b ) spielt Neto mit den Sinnen des Betrachters einmal mit dem Geruchs-, dann mit dem Sehsinn, aber immer mit dem Tastsinn durch die verwendete Stofflichkeit. In The Edges of the World geht es um ein gleichzeitiges Erlebnis von Hand und Auge, das die exakte Trennung zwischen Innen und Außen aufweicht.
Durch den Nylonstoff, der das Licht nur gedämpft eindringen lässt und wie ein Farbnebel gestreut wird, umfängt den Betrachter die Farbe. Hinzu kommt ein taktiles Empfinden von Weichheit durch den hautähnlichen Stoff: Dessen Spannung und Dehnung fordert den Betrachter geradezu auf, in den Stoff zu drücken oder diesen zu zupfen.
Neto spricht bei dünnen, dicht abgehängten, schlauchartigen Elementen vom Grün, das an den Dschungel erinnern soll, und vom Braun, das Äste andeutet (Neto in Artist Interview, 21.07.2010, min. 2:22 – 2:25), wobei die Äste in ihren Proportionen viel größer als der Gesamteindruck des Dschungels sind. So wird eine Nahsicht mit einer Fernsicht in ein- und demselben Raum vermischt. Die eingewölbten Astlöcher sind kleine Nylonröhren, die den vermeintlichen Ast mit der größten, zeltartigen, begehbaren Plastik aus gelblich-roten Nylonstoffen im Raum verbinden, die Neto als „Intestines (Innereien) bezeichnet.
Man läuft als Betrachter also gleichsam durch einen menschlich anmutenden Körper, der über die in den Zeltinnenraum stehenden Röhren mit den Bäumen, mit der Natur verbunden ist. In The...

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