Christiane Schmidt-Maiwald

Textil als Material in der zeitgenössischen Kunst

Vom Faden zum gepolsterten Raum die Bandbreite textiler Verarbeitungstechniken

In diesem MATERIAL-Teil werden Arbeiten von Künstlerinnen und Künstlern vorgestellt, die mit textilem Material arbeiten. So ergeben sich Anregungen, wie der textile Werkstoff in einfachen und komplexen Techniken zu plastischen Objekten oder räumlichen Installationen verarbeitet werden kann.

Ausgangspunkt für das Arbeiten mit Textil in der Schule ist der liniengleiche Faden. Dieser führt über Techniken wie das Verspannen und Knoten (leicht), das Kreuzen von Linien beim Weben (leicht) und das Schlingen von Maschen beim Häkeln oder Stricken (anspruchsvoll) zu Struktur- und Körperbildung.
Auch aus der Fläche heraus kann das dreidimensionale Gestalten erfolgen: über die Montage von Flächen beim Stapeln, Raffen und Drapieren (leicht) sowie über das Nähen nach Schnittmustern (komplex). Zudem bieten die Verfahren des Stopfens, Polsterns und Aufblasens die Möglichkeit, räumliche Gebilde zu gestalten.
Recycelte Stoffobjekte aus dem Haushalt oder Kleidungsstücke auszustopfen, ist ein einfaches Vorgehen, das schon in der Grundschule genutzt werden kann. Das Nähen von Hüllen, die ebenfalls ausgepolstert oder über ein Gerüst gezogen werden, setzt technisches Wissen voraus und ist entsprechend anspruchsvoll.
Mit Verhüllungen kann man Verfremdungseffekte erzielen. Die Oberflächen der Objekte können vorab über Strukturbildung oder im Nachhinein über das Annähen von Kurzwaren oder Aufnähen von Fäden und Stoffen gestaltet werden.
Motivisch verbindet sich die vertiefte Auseinandersetzung mit Oberflächen und Strukturen besonders gut mit der intensiven Anschauung von Naturphänomenen in Flora und Fauna.
M1: Strukturbildung aus der Linie
Die deutsch-amerikanische Künstlerin Eva Hesse (M1 A ) und die Kanadierin Amanda McCavour (M1 B ) arbeiten additiv-aufbauend mit dem Faden. Bei Hesse werden besonders Verknotungen zum Prinzip, McCavour bildet zarte Raumobjekte über Stickereien.
Die Französin Cécile Dachary (M1 C ) zeigt, wie über das Verschlingen bei der Technik des Häkelns plastische Gebilde entstehen.
Subtraktiv-dekonstruktiv geht die Japanerin Aiko Tezuka (M1 D ) in einigen ihrer Werke vor, indem sie traditionelle Webware aufdröselt und die Fäden in den Raum spannt.
Anregungen zu M1 A
  • Erprobungen, wie mithilfe der eigenen Finger ein Wollfaden in verschiedene Formen gebracht werden kann: knoten, schlingen, wickeln. Besonders einfach ist das Aufwickeln eines Fadens oder dünnen Stoffstreifens, sodass Knäuel oder Kugeln entstehen (Abb. 1 ). Die entstandenen Gebilde können nach einer Werkbetrachtung von Eva Hesse gelenkt weiterentwickelt und mit einem Kleistergemisch (1/3 Holzleim in 2/3 Wasser auflösen) gefestigt werden (Trocknungszeit: 24 Std.).
  • Blindzeichnungen können ein Impuls sein, nach denen Wollfäden gelegt, geknotet, verschlungen und gehärtet werden.
Anregungen zu M1 B
  • Werkbetrachtung und Recherche zu Amanda McCavour (M1 B):
  • Gestaltungsübung als Impuls zum aufbauenden Arbeiten: Stoffe werden nach Farben und Mustern sortiert und in Streifen geschnitten. Diese werden in zugeschnittene Teppichunterlagen (gummierte Gitterstruktur) nach Vorüberlegung zu Farbverläufen geknotet, wobei die Stofflänge so variiert werden kann, dass Höhen und Tiefen entstehen, vergleichbar dem Flor eines geknüpften Teppichs. Auch lassen sich die Teppichunterlagen vor oder nach der Verknotung der Stoffstreifen in den Raum knautschen und vernähen (einfacher Schlingstich), sodass plastische Objekte entstehen. Ebenso eignen sich Obstnetze.
  • Das gummierte Teppichgitter kann auch kästchenweise überwickelt oder -stickt werden. Hier eignen sich neben Wolle auch recycelte Geschenkbänder. Überstehende Gummiteile werden abgeschnitten.
Anregungen zu M1 C
  • Erprobung: Über das Verfahren des Knotens kann freien Formbildungen nachgegangen werden, die zunächst über das...

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