Michael Heß | Anna-Maria Schirmer

#Diversität

Beispiel 2: Kerstin

Mit der Reihe #Diversität werden ausgehend von bildnerischen Prozessen individuelle Lernwege skizziert, um den Unterricht mit heterogenen Lerngruppen vom Schüler aus zu denken. Dazu werden Entwicklungsverläufe dargestellt und pädagogisch reflektiert. Im Mittelpunkt dieses zweiten Beitrags der Reihe steht die 16-jährige Kerstin, Schülerin an einer Schule mit dem Förderschwerpunkt geistige Entwicklung.

Kerstin kann sich verbal äußern, ist aber sehr schüchtern und zurückhaltend, sodass sie selten und nur sehr leise spricht. In ihrem sozialen und emotionalen Verhalten wirkt sie gehemmt. Es fällt ihr schwer, Kontakt aufzunehmen und zu kommunizieren.
In Kerstins Bildern fallen die hohe Dichte und Stimmigkeit sowie der klare Bildaufbau auf. Bildnerische Strategien, die wir aus den Zeichnungen jüngerer Kinder kennen, tauchen hier auf: Reihung, Symmetrie, größtmögliche Richtungsverschiedenheit, Aperspektive usw. Prägnanzdenken bestimmt die Darstellung (Philipps 2008, S. 55) dementsprechend spielt die Deutlichkeit eine viel größere Rolle als der Abgleich mit der visuellen Erscheinung.
Trotz der strukturellen Ähnlichkeiten zu Kinderzeichnungen, gehen Kerstins Bilder über das, was wir von Kindern nach der Werkreife also etwa im Alter zwischen fünf und acht Jahren erwarten (Richter 2000, S. 45) hinaus.
Kerstin bewegt sich im Feld der Bildlogik, die eine bestimmte bildnerische Entwicklungsphase auszeichnet. Sie verwendet die charakteristischen Merkmale aber in einer derart verdichteten Weise, dass sie das, was wir innerhalb dieser Phase der Zeichenentwicklung erwarten, übertreffen.
Bildnerische Qualitäten erkennen
Für den Lernbegleiter geht es darum, Aspekte von Kerstins bildnerischen Grundkonzeptionen zu erkennen und in ihrer Funktion zu verstehen, um auf dieser Basis sensibel Erweiterungen anbieten zu können. Betrachtet man Kerstins Bilder aus einem stärkenorientierten Fokus, erkennt man mühelos bildnerische Qualitäten, die zum Ankerpunkt für weitere Fördermaßnahmen werden.
Im Folgenden werden Aspekte des Zusammenspiels zwischen inhaltlicher Intention und Bildlogik erklärt und die daran angelehnten Fördermaßnahmen beschrieben.
Hohe Ausgewogenheit
Das Bild Menschen, Häuser, Bäume (Abb. 1 ) entsteht in drei Arbeitsphasen: Zunächst werden die drei zentralen Bäume zu Papier gebracht. Für die Darstellung der Äste wird die flüssige Farbe mit einem Strohhalm vertrieben. Diese teilweise zufallsgeleitete Technik wurde im Vorfeld allen Schülerinnen und Schülern gezeigt. Kerstin platziert die Bäume im mittleren Bereich des Formats, der rechte Baum rutscht ein Stück nach unten ab. Bäume und Äste sind recht einfach dargestellt, weisen aber durch die ausgewogene Platzierung eine bildnerische Stimmigkeit auf.
Auf Anraten des Lehrers zeichnet Kerstin unterhalb der Bäume eine feine Standlinie und teilt damit das Bild in zwei Bereiche. Auf diese Möglichkeit, das Format einzuteilen und einen einfachen Bildraum Streifenbild (Eid/Langer/Ruprecht 1980, S. 141) zu generieren, greift Kerstin später häufig zurück.
Auf diese Standlinie setzt sie dann Häuser, die ein klares Schema konsequent wiederholen. Die sechs Häuser im Bild sind annähernd symmetrisch angeordnet. Jedes Haus besteht aus einer frontalen und einer seitlichen Fläche, die wie aufgeklappt nebeneinanderliegen. Durch Wiederholung und Reihung entsteht eine ornamentale Anmutung. Der rechte Baum wird von zwei weiteren Häusern flankiert, die in ihrer Ausrichtung ebenfalls symmetrisch sind. Ein Haus steht auf der unteren Bildkante deutlich nach unten versetzt und viel größer als die anderen. Es könnte sein, dass Kerstin hier versucht, einen räumlichen Eindruck zu erzielen. Zudem erfüllt dieses vergrößerte Haus eine formallogische Funktion, indem es die Abwärtsbewegung der Häuserreihe und Bäume quasi abfängt.
Den unteren Bildbereich füllt Kerstin mit sieben menschlichen Figuren,...

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