7. – 9. Schuljahr

Olga Kappler

Vom Faden zum Raum

Räumlichkeit erfahren neue Räume schaffen

In diesem Unterrichtsbeispiel spürt eine achte Klasse über verschiedene Vernetzungsübungen und das Abmessen des Klassenraums dem Raumvolumen nach. In Anlehnung an die Textilkünstlerin Lenore Tawney werden dann Architekturmodelle konzipiert, die durch das Verspannen und Vernetzen von Wollfäden entstehen.

Textile Materialien begleiten unseren Alltag in vielfältigen Zusammenhängen trotzdem wird im Kunstunterricht selten damit gearbeitet. Häufig wird das Material dem Kunsthandwerk zugeordnet und die Genderfrage einseitig beantwortet. „Das Material selbst wird über Jahrhunderte mit Grundierung und Farbe völlig bedeckt und weitgehend negiert. (KunstStoff: Textilien in der Kunst seit 1960, 2012, S. 6)
Tatsächlich gibt es jedoch viele Künstlerinnen und Künstler, die mit Fäden und Garn als eigenständigem Material arbeiten (s.MATERIAL-Teil). Ein Beispiel ist Fred Sandback (1943 – 2003), der „die geraden Fäden nicht als immaterielle Linie sieht, sondern [] deren Masse und Materialität [betont] und [] seine Installationen ‚Skulpturen [nennt], in denen der Körper mit dem Raum verschmilzt (Brüderlin 2013, S. 28).
Leonore Tawney arbeitet nach demselben Prinzip (Abb. 1 ). Ihre Werke waren häufig im freien Raum aufgehängt „und bekamen durch ihre unregelmäßigen Formen eine starke skulpturale Präsenz (vgl. ebd.). Tawney, eine der Begründerinnen des Fibre Art Movement, machte sich für die Anerkennung der Textilkunst als gleichwertige Disziplin auf internationaler Ebene stark. Mit ihren spirituell aufgeladenen Arbeiten möchte sie sagen: „Ich bin der Zeit enthoben, wenn ich mit Textilfasern arbeite. Jede Schnur, jeder Knoten ist ein Gebet. (Brüderlin 2013, S. 142)
Als Unterrichtseinstieg werden einige Arbeiten von Leonore Tawney vorgestellt.
Raumerfahrungen ermöglichen
Klassenräume insbesondere ihre Größe und ihr Volumen werden im Schulalltag meist nicht bewusst wahrgenommen. Doch für Schülerinnen und Schüler weiterführender Schulen ist es wichtig, ein Gefühl für Räumlichkeit, Proportion und menschliche Bezugsgrößen zu entwickeln. So geht es zunächst darum, den eigentlich bekannten Kunstsaal neu und mit mehreren Sinnen zu erfahren:
  • Ein Wollknäuel wird von Person zu Person durch den Raum geworfen, wobei der Empfänger vor dem Werfen den Faden in der Hand behält ein bekanntes Kennenlernspiel als Grundlage der erneuerten Raumerfahrung!
  • Im zweiten Schritt wird versucht, einen Klangteppich aufzubauen. Summtöne der Schüler ergeben nach und nach ein raumfüllendes Ganzes.
Nach diesen Übungen werden –  paarweise Messfäden entsprechend der Körpergröße des jeweiligen Schülers abgeschnitten. Beide Partner vermessen nun entsprechend ihres Fadens den Raum z.B.: Breite: 4 1/3 x Fadenlänge, Länge: 6 x Fadenlänge usw. (Abb. 2 ). Anhand dieser Maße wird nun ein Grundriss des Kunstsaals gezeichnet (Abb. 3 ).
Material erkunden
Es folgt eine experimentelle Phase, in der die Schülerinnen und Schüler das Material unterschiedlichste Fäden und Garne auf ihre besonderen Eigenschaften hin untersuchen (Abb. 4 ). Die Lernenden zergliedern Fäden in ihre einzelnen Bestandteile und sortieren sie beispielsweise nach Farben oder Konsistenz, sie drehen Kordeln, flechten, knoten und verknoten.
Konstruktion und Gestaltung der Räume
Im weiteren Verlauf der Unterrichtseinheit werden aus Schuhkartons architektonische Räume erschaffen, die sich am Schulgebäude orientieren (Abb. 5a – c ).
Dabei beruht ein inhaltlicher Bildungsinhalt der Unterrichtseinheit auf der Tatsache, das „Raum und Körper der Sache nach nicht verschieden sind, so die Ansicht des Philosophen Spinoza (vgl. von Drahten 2013, S. 28).
Feine Fadenskulpturen verschränken nicht nur Körper und Raum, sondern auch Innen und Außen. Es fällt auf, dass die Schülerinnen und Schüler selbstvergessen an ihren Fäden ziehen, knoten, binden. Der Aspekt des handwerklichen Geschicks geht...

Weiterlesen im Heft

Vorteile im Abo

Exklusiver Online-Zugriff auf die digitalen Ausgaben der abonnierten Zeitschrift
Print-Ausgabe der abonnierten Zeitschrift bequem nach Hause
Zusatzvorteile für Abonnenten im Online-Shop genießen