Anna-Maria Schirmer

Neue Lernkultur

Digitalität und Schule

In den letzten Monaten mussten Schülerinnen und Schüler notgedrungen per Fernunterricht beschult werden. Ad hoc wurde der Unterricht auf E-Mail-Postkästen und digitale Plattformen ausgelagert. Eine bewusst gestaltete pädagogische Kultur der Digitalität ist indes nicht allerorts sichtbar.

Als der letzte Diskussionsbeitrag in dieser Reihe zum Thema Digitalisierung und Schule verfasst wurde (K+U 441/442//2020, S.67ff.), ahnten wir noch nichts von dem bevorstehenden Ausnahmezustand.
In diesem Text wurden gesellschaftliche Veränderungen und ein sich allmählich abbildender Wandel in der Arbeitswelt skizziert und Rückschlüsse für Schule und Bildung formuliert. Im Kern ging es darum, darzustellen, dass es bei Digitalisierung um weit mehr geht, als um den Einsatz digitaler Werkzeuge: Die Digitalisierung bringt veränderte Wahrnehmungs-, Handlungs-, Kommunikations- und Denkformen mit sich, die sich in allen Bereichen des Lebens abbilden und damit einen kulturellen Wandel anstoßen. Traditionelle Bildungsziele wie Mündigkeit, Autonomie, Perspektiven- und Verantwortungsübernahme sowie Gestaltungsfähigkeit rücken in diesem, eine transformierte Lernkultur fordernden Prozess auf neue Weise in den Fokus.
Beschleunigte Schulentwicklung
Die letzten Wochen zeigten nachdrücklich, dass sich Lehrerinnen und Lehrer über alle Schulformen und Fächer hinweg in umfassender Weise mit diesen Veränderungen auseinandersetzen müssen.
Im Idealfall bringen sich Bildungseinrichtungen in die Gestaltung des kulturellen Wandels aktiv ein; eine Mindestanforderung ist es allemal, vor dem Hintergrund veränderter Bedingungen und Anforderungen Lernkultur zu reflektieren. Daher greifen wir hier das Thema noch einmal vor den Erkenntnissen der letzten Wochen auf. Jetzt gilt es, eine beschleunigte Schulentwicklung bewusst zu gestalten!
Vom Präsenz- zum digital gestützten Fernunterricht
Mit den abrupten Schulschließungen war ein unvermittelter und leider vielerorts unvorbereiteter Wechsel vom Präsenzunterricht zu digital gestütztem Fernunterricht unumgänglich. Dabei zeigte sich rasch ein sehr divergentes Bild: Während es an manchen Schulen und Hochschulen zügig gelang, bestehende Plattformen zu nutzen, um mit allen Lehrerinnen und Lehrern ein gemeinsames Vorgehen abzustimmen, entstand andernorts der Eindruck, jeder Lehrer und jede Lehrerin habe auf sich alleine gestellt eine Lösung zu finden.
Die Kreativität und Lernfähigkeit auf Seiten der Lehrenden ist durchaus ermutigend, zeigt sie doch eine große Veränderungsbereitschaft. Rasch wurde deutlich, dass Schulen in stark differierendem Maß auf eine bereits installierte digitale Infrastruktur sowie die dazugehörige Arbeits- und Lernkultur zurückgreifen konnten und inwiefern sich das auswirkte.
Probleme über die Technik hinaus
Wie durch ein Brennglas wurden allerdings auch Probleme deutlich, die weit über das Funktionieren und die Beherrschung von Technik hinausgehen. Diese sind vielmehr als Indiz zu sehen für die Differenz zwischen gelebter Schulwirklichkeit und wünschenswertem Bildungsideal: fehlende Bildungsgerechtigkeit, mangelnde Selbstständigkeit, brüchige Beziehungs- und Kommunikationsstrukturen sind einige der zentralen und vielfach sichtbaren Brennpunkte.
Vergleicht man unterschiedliche Erhebungen, erhärtet sich der Eindruck, dass lehrerzentrierter, kleinschrittiger Unterricht im Einbahnstraßen-Format die Unterrichtsituation vielerorts dominierte.
So lag die Nutzung von Aufgabenblättern mit ca. 85% weit vor interaktiven Formaten wie Video- oder Schreibkonferenzen (https://deutsches-schulportal.de/unterricht/das-deutsche-schulbarometer-spezial-corona-krise/).
Die Anzahl an Erklärvideos, die allzu schnell einen stark lehrerdominerten Frontalunterricht im Vortragsformat fortschreiben, schnellte in die Höhe und E-Learning-Formate wie etwa die Quizz-App, die den selbstbestimmten Anteil der Schülerleistung auf einen...

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