5. – 8. Schuljahr

Sophie Schmidt

Körperweitungen

Utopien der Verwandlung

Schon in den unteren Jahrgangsstufen ist der Begriff Utopie ein Thema. Der Kunstunterricht ist der Ort für die Visualisierung der Fantasien, für das wilde Denken. In diesem Unterrichtsbeispiel entstehen fantasievolle Masken und Kostüme im Sinne von Körper- und Daseinsweitungen.

Auch wenn ein suchendes Vorgehen gerade für sehr junge Schülerinnen und Schüler komplex und anspruchsvoll ist, so eignet es sich doch sehr gut für die gymnasiale Unterstufe. Die Lernenden sind in dieser Jahrgangsstufe sehr offen und gestaltungsfreudig. Sie brennen geradezu darauf, Leben und Welt unvoreingenommen zu erzählen und darzustellen. An diese Freude und Offenheit, Leben neu zu erzählen und zu gestalten, wird in diesem Unterrichtsbeispiel inhaltlich angeknüpft.
Utopie als Verwandlung
Als Ausgangspunkt für die Utopien der Fünftklässler wird aus dem erörternden Unterrichtsgespräch der eigene Leib und sein Potenzial der utopischen Verwandlung gewählt. Jede Utopie als Verwandlung erfordert Mut, Fragen neu zu stellen. Um ein In-die-Utopie-Gehen möglich zu machen, werden Körperweitungen gebaut: mit Draht, Gips, Farbe und Stoff.
Körper- und Daseinsweitungen
Die Körperweitungen sind als utopische Verwandlungen weniger Verkleidungen als vielmehr Daseinsweitungen. Sie setzen sich mit unserem In-der-Welt-Sein auseinander, also mit den Fragen: Wie wollen wir sein? Wie wollen wir leben? Wie wollen wir wohnen? Wie wollen wir in Zukunft zusammenleben?
In diesen Fragen und in dem, was daraus Neues, Anderes entsteht, haben wir uns gegenseitig ernst genommen. Das Projekt beginnt mit diesen Fragen und mündet in eine Vorführung der Schülerutopien beim Tag der offenen Tür.
Menschheit und Umwelt
Unser Unterrichtsgespräch ist der Versuch eines „Freischwimmen von übernommenen Meinungen und Urteilen. Zunächst ist die Diskussion von einem dystopischen Unterton geprägt: Sichtbar wird eine gefährdete Umwelt und schlussendlich auch eine sich selbst zerstörende Menschheit.
Um Raum für Veränderung in positiver Richtung zu schaffen, verlegen wir den abstrakten Gedanken in das konkrete Arbeiten im Klassenzimmer. Daraus abgeleitet, schlagen wir den Bogen zurück ins tägliche Leben. Dieses Fragen aus dem konkreten Raum heraus verändert das Gespräch. Es wird offener und wilder. Der Drang des Gestaltens kommt zum Ausdruck und bei den Lernenden entsteht Lust, das Leben und die Welt neu zu erzählen.
Zukunftsvorstellungen
In einer etwa halbstündigen Schreibaufgabe notieren die Schülerinnen und Schüler eigene Überlegungen zu folgenden Fragen: Wie wollen wir sein? Wie wollen wir leben? Wie wollen wir wohnen? Wie wollen wir in Zukunft zusammenleben? Anschließend habe ich die Papiere für die geplante Präsentation am Tag der offenen Tür grafisch aufbereitet (Abb. 1a – d ). Durch die grafische Gestaltung haben die Schüler große Freude am Lesen der Gedanken ihrer Mitschüler und sind stolz auf ihre eigenen Beiträge.
Praktische Gestaltung
Um das Thema für die Gestaltung zu öffnen, verfolgt die zweite Arbeitsphase einen praktischen Ansatz, der direkt am eigenen Leib ansetzen soll. Den gestellten zentralen Fragen wollen wir mit Materialien wie Draht, Gips, Karton und Farben zu Leibe rücken.
Im Experiment Utopie kann der Mensch sich verwandeln nicht als Verkleidung, sondern als Weitung des Konzeptes Mensch an sich. Dies führt zu einer Verbindung von Mensch, Tier und Natur. Es werden auch queere Identitäten zwischen Mann und Frau erprobt.
Diese praktische Herangehensweise funktioniert gut, da wirklich sehr eigenständige und freie Körperweitungen entstehen. Dennoch besteht die Gefahr, dass Lernende bei ihren utopischen Verwandlungen in typische Rollenbilder zurückfallen: Jungen werden dann Kämpfer, Mädchen Prinzessinnen. Es gelingt nicht immer, sich von diesen verankerten Wunschvorstellungen zu lösen.
Anfertigung der Masken
Nachdem erste Ideen für Verwandlungen gefunden sind, beginnen die Kinder in...

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