Karin Hutflötz | Johannes Kirschenmann

Utopien und Kunst Krise und Reflexivität

Kunst in Zeiten der unerwarteten und unkalkulierbaren Krise: Keine Glaskugel, kein Superforecaster, kein Computer und keine Wissenschaft niemand hatte die Coronapandemie, ihr Ausmaß und die Folgen zu Beginn dieses Jahres vorausgesehen. Schneller und intensiver als je gedacht sind gesellschaftliche Gewissheiten auf den Prüfstand geraten. Gewohnte Verhaltensweisen sehen sich plötzlich gestört, Alltagspraktiken werden umgepolt.

Kann Kunst Nachdenklichkeit, Alternativen und Gemeinsinn nicht nur einfordern, sondern mobilisieren und generieren? Welche Rolle und Funktion können die Kunst und die von ihr ausgelöste Reflexivität in der erforderten Neuorientierung einnehmen gerade wenn zentrale Begegnungsorte geschlossen sind?
Krisen sind Zeiten des Umbruchs und der intensiven Neuorientierung zunächst aber der Orientierungssuche: Wegen der Zwangssituationen mit allen Begrenzungen von Freiheiten und Konsum entdecken und entwerfen sich die Menschen und Gesellschaften in Krisen neu. Das Bedürfnis nach Orientierung ist groß, denn plötzlich fehlt das spezifische Erfahrungswissen und die berechenbare Perspektive.
Dazu tritt in der Pandemie gegenüber dem unsichtbaren Angreifer eine ungreifbare Furcht, begleitet von Misstrauen. Alte Gewissheiten taugen nicht mehr und angesichts unbekannter Gefahr liegen undifferenzierte und beeinflusste Reaktionen nahe. Neben den Virologen einer kleinen Gruppe von Wissenschaftlern mit algorithmischen Modellrechnungen treten Verschwörungstheorien und utopische (oder dystopische) Erklärungsversuche in das mediale Sichtfeld.
Kunst in Krisen
Kunst nimmt das utopische Potenzial dieser umbrüchigen Zeit anders auf: Eben nicht, indem sie fiktive Antworten liefert also künstliche Gewissheiten den naturgegebenen Ungewissheiten entgegenstellt , sondern dem Umbruch und Aufbruch neuer Möglichkeiten Ausdruck verleiht und die transformativen Herausforderungen der Gegenwart in den Blick rückt.
Zugleich hat Kunst schon immer Krisen illustriert. Jenseits von Bebilderung ist gute Kunst ein subtiler Seismograf der Krise. So war das prächtige Stillleben der Barockzeit auch eine Reaktion auf den „Schwarzen Tod, der bis in das 16. Jahrhundert hinein ein Zehntel der Bevölkerung Europas hinwegraffte. Nach Tod und Entbehrung wurde das Schöne gefeiert und im Bild ein Wohlstand suggeriert, der in der Realität nur für sehr wenige galt. Doch die Maus oder der Käfer in den Bildern zeigten die Brüchigkeit des schönen Scheins.
Macht der Bilder
Auch in der jetztigen Pandemie konkurrieren Bild und Sprache in einer fortdauernden Medienkonkurrenz. Und wieder sind es die Bilder, die mehr als die legendären tausend Worte Emotion und Verstand, Kalkül und Perspektive, Nachdenken und Handeln bestimmen. Der chinesische Krisenherd war weit weg, erst ein langer Konvoi italienischer Militärlaster, die am 18. März in Bergamo Verstorbene in Krematorien anderer Orte fuhren, ließ das Desaster der Pandemie trotz Teledistanz „hautnah erfahrbar werden. Kurz darauf wurden in Deutschland die Schulen geschlossen.
Die akute Krise, die beständigen Utopien und die Bilder der Kunst rufen auch ein pädagogisches Nachdenken zu den existenziell entscheidenden, den grundsätzlichen Fragen unseres Lebens auf. Kunstwerke richten immer Fragen an die Gegenwart und stoßen an, die Zukunft reflexiv zu befragen.
Zum MATERIAL-Teil
Der MATERIAL-Teil möchte Aspekte eines utopischen Denkens und Handelns entlang zentraler Leitthemen und daraus resultierender Fragen und Reflexionen zum Thema im Unterricht machen. Bild und Text wollen eine aktive, selbsttätige und selbstbildende Rezeption anstoßen.
Die Themen sind immer auf eine Doppelseite hin angelegt. Dreizehn Themen als Fragen greifen auf historisch gewachsene Ansätze zur Utopie zurück und führen sie über eine kritische Betrachtung der Gegenwart in den (Nach-)Denkraum einer thematisch...

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