Karin Hutflötz | Johannes Kirschenmann

Utopien der Kunst Utopien der Gesellschaft

Krise als Chance für Transformation und Wandel

Utopien bewusst im Plural verstanden in Kunst und Gesellschaft berühren Grundfragen menschlichen Nachdenkens über den Sinn und Wandel des Seins. Das betrifft gerade auch Kinder und Jugendliche vor allem in Krisen und Umbruchszeiten. Diese Sinnfragen bedingen Gestaltungsprozesse als Momente künstlerischen Denkens und Handelns und in deren Rezeption kunstpädagogische Erkenntnisweisen. Mit einem Materialangebot und unterschiedlichen Unterrichtsbeispielen will das Heft die Verflechtungen des nahezu unendlichen Themas fokussieren.

Bei den Beispielen und Materialien im Heft geht es über das wünschenswert Vorstellbare hinaus das vermeintlich glückliche Ideal und scheinbar vollkommen Perfekte, das genommen ist vom Maß des Gegebenen, bemessen am maximal Wünschenswerten innerhalb einer eingerichteten Welt. Sonst bleibt die Vorstellungskraft immer im Horizont festgelegter Konventionen und tradierter Klischees, die eine Gesellschaft und ihre jeweils gängigen Bilder und Begriffe bestimmen. Dadurch entsteht ein künstlich eingeschränktes Gesichtsfeld, das den Einzelnen einen Blick auf die Fülle der Denk- und Gestaltungsmöglichkeiten in Wirklichkeit nicht ohne Weiteres erlaubt (s. a. Kasten 1).
Mondrians gescheiterter Traum
Mondrians gescheiterter Traum
Matthias Koeppel fasst ganz unterschiedliche Utopien-Entwürfe in einer gemalten Collage zusammen (Abb. 1): Hintergrund ist die große Abstraktion Mondrians als die Realistik des Universellen. Auf dessen Szenerie bilden sich verschiedene historische Momente künstlerischer Utopie-Erzählungen ab.
Im linken Rechteck ist das Schiff zum Aufbruch nach Kythera als Ort der Utopie zitiert. Doch die Reisegesellschaft wirkt recht unentschlossen. Davor steht Watteau mit Zeichenfeder und Mappe.
Fragen, nicht Antworten, sind bei Koeppel das verbindende Element. So wirft schon Watteau die Frage auf, ob die Gesellschaft nicht resigniert vom gelobten Ort der Utopie zurückkehre.
Statt als vordergründiges Ideal des Lebens einer aristokratischen Clique in der heilen Natur kann dessen Werk Fest der Liebe (1718/1719) auch weitergreifend als Epochenumbruch von einer erstarrten Herrschaft von Ludwig XIV zu seinem Nachfolger gedeutet werden. In dessen Regentschaft lösten sich die alten Strukturen zugunsten eines bürgerlichen Ideals der heraufziehenden Aufklärung auf eines Ideals, das im gesellschaftlichen Frieden die Grundbedingungen sich entfaltender Wissenschaften und Künste sah (Elias 1998).
Das treibt offensichtlich auch die Zeitgenossinnen und -genossen von Matthias Koeppel im Bild um, die im kompositorischen Aufgriff der galanten Rokokogesellschaft mit neuzeitlichen Attributen fragend um die Zukunft, um Plan und Perspektive ringen. Seine Mitstreiter einer realistischen Kunst im späten
20. Jahrhundert sind ratlos. Trotz moderner Medien und eifriger Debatten in kleinen, zersplitterten Gruppen (analog zu den heute vielfach beklagten, milieugebundenen Diskurs-Blasen) wissen sie nicht um die treffende Gestaltung der Zukunft.
Ein Porträt von Piet Mondrian am rechten Bildrand zeigt den großen Utopisten doch nur, um in einem realistischen Stil mit großer naturalistischer Detailtreue das Versagen jeder konstruktivistischen Idee mit ihrem gerade bei Mondrian blinden Fortschrittsglauben vorzuführen. Eine realistische Malerei fordert dagegen die Parteinahme der Kunst für Zukunft, Vision und Utopie.
Schon Platon bemühte in seinem berühmten Höhlengleichnis das Bild der gefesselten Menschen in der „Höhle Sinnbild einer eingerichteten Welt und Gesellschaft. Sie werden daran gehindert, den Raum zu verlassen und ins Freie zu gehen und auch der Kopf wird starr gehalten keine Blickwendung ist erlaubt, sodass alle nur in eine Richtung und auf den gleichen Schattenwurf der Dinge schauen. Solange man sich dessen nicht bewusst wird, hält man...

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